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„Die Wirtschaftliche Dimension“
bis zu ihren letzten, grundlegendsten Inhalten zurück, spaltet sieb
rein gesinnungsmäßig auf; eigentlich von Theoretiker zu Theo
retiker, fürs Grobe aber von Schule zu Schule, mit einem ganz unüber
brückbaren Abstand zwischen ihnen. Heute kann man jeden national
ökonomischen Theoretiker mit den Worten anreden: Sage mir, wie
Du über „Wert“ oder doch über „Kapital“ denkst, über „Produk
tivität“, „Rente“, „Zins“ und so fort, und ich sage Dir, wer Du bist
und wo Du hinauswillst mit der Wirtschaft 1 Allerdings, man braucht
es bloß auf diese Formel zu bringen, und sofort verliert es das Ansehen
des Ungehörigen. So gewendet, wird man mir die geschilderte Ver
fassung unserer Theorie bereitwillig zugeben und dem nur mit zweier
lei Einrede begegnen. Die Einen wohl mit der Frage: Kann es
denn anders sein? Die Anderen mit der Frage: Soll es denn
anders sein? Beiden sei nun kurz erwidert.
Kein Zweifel, auch unser erkennendes Denken bleibt stets in dem
Kampf gegen all das verstrickt, was wir fühlen und wollen. Aber
dieser Kampf wird in Gestalt der Wissenschaft immer um einen Preis
geführt; und der ist Erkenntnis, die für jedermann ihrer selbst gewiß
und ihrer inneren Einheit sicher bleibt. Dieser Kampf ist praktisch
bloß den Wissenschaften unseres Kreises aufgezwungen, bei denen
das erfahrende Denken die erlebte Wirklichkeit nicht ihres erlebten
Zusammenhangs beraubt. Drüben, bei den Naturwissenschaften, auf
ihrem ganz anderen Horizont der Erfahrung, da ist nach dem Kant-
schen Wort allemal soviel an eigentlicher Wissenschaft vorhanden, als
in Wissenschaft Mathematik enthalten ist. Für unsere Gebiete verliert
dieses Wort jeglichen Sinn. Bei uns ist an Wissenschaft soviel vor
handen, als jener Kampf zu Sieg ausklingt, das will sagen, soweit das
erkennende Denken nicht doch wieder in Bekenntnis
stecken bleibt, vielmehr sich durchringt zu echter Erkenntnis, im
Walten gesinnungsfreien Denkensl Dahinzu ringt wohl auch
die „mathematische Methode“ in unserer Wissenschaft, als ein ver
zweifelter, aber hoffnungsloser Vorstoß. Die Rechnung stimmt. Aber
in ihren Ansätzen steckt, zugleich mit allen Fehlern und Vorurteilen
des wortgebundenen Denkens, auch die Gesinnung I Wie ja überhaupt
dabei nichts herauskommt, was nicht hineingesteckt wäre, und allein
schon das Rechnen auf solchen Gebieten selber das Urteil fällt: Gute
Rechner vielleicht, schlechte Mathematiker sicher!
Die volle Läuterung vom Vorurteil mag uns ewiglich verwehrt
bleiben; sicher nur im ewigen Streben danach erfüllt sich Wissen
schaft. Daher verknüpft es sich schon mit der Idee der Wissen
schaft, daß alle Urteile über das Gesinnungsrichtige, alle „Werturteile“