5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 237
einzelne Mitglieder oder durch das Syndikat selbst vorgenommen
wird, für das nächste Quartal oder Semester freizugeben, und zwar
pflegt es diese Freigabe nicht eher vorzunehmen, als bis es die
Marktlage der nächsten Zeit einigermaßen übersehen zu können
glaubt. Die Abnehmer sind also nicht mehr genötigt, sich auf zu
lange Zeit bei zu hohen Preisen und mit zu großen Quanten zu
binden, die Syndikate können Preise und Produktion einer auf-
steigenden oder absteigenden Konjunktur besser anpassen 1 ).
Seitdem hat auch nach manchen anderen Richtungen hin die
Organisation der Kartelle mancherlei Fortschritte gemacht und eine
erhebliche Ausdehnung auf vielen Gebieten des Wirtschaftslebens
erfahren. Es sei nur an die Errichtung des Stahlwerksverbandes er
innert. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß im Zusammenhang
mit diesen Wandlungen viele Verbände, besonders diejenigen der
Kohlen- und Eisenindustrie, damit eine viel bessere Übersicht über
den Markt erhielten und ihn viel besser beherrschen konnten, als es
um die Jahrhundertwende der Fall gewesen ist. Schon im Jahre 1906
schrieb Dr. V o e lk er, der frühere Direktor des Stahlwerksverbandes,
von diesem: „Das Hauptbestreben des Verbandes ist offensichtlich
darauf gerichtet, sich ein genaues Bild von den tatsächlichen Markt
verhältnissen zu verschaffen. Man kann ohne Übertreibung be
haupten, daß keine Tonne Stahl das Weichbild der Werke verläßt,
ohne daß die Verkaufsstelle des Stahlwerksverbandes weiß, was mit
dieser Tonne angefangen wird. Die Beziehungen zwischen den
Werken und ihrer Kundschaft sind eben wesentlich enger geworden,
auch haben wiederholt gemeinsame Erörterungen zwischen Produ
zenten und Konsumenten über die Marktlage stattgefunden * 2 ).
Dazu ist noch hervorzuheben, wovon oben schon die Rede ge
wesen ist, daß bei der Hochkonjunktur am Ausgange des 19. Jahr
hunderts bei der Steigerung der Rohstoffpreise, Spekulationskäufe
großer Handelsfirmen eine wesentliche Rolle gespielt haben, und
daß es damals vielfach der Handel und nicht die Kartelle gewesen
sind, welche die Hochkonjunktur skrupellos ausnutzten und von
den Verbrauchern übertrieben hohe Preise verlangt haben. Das hat
damals von seiten des Handels zum Teil einen solchen Umfang an
genommen, daß sich in dieser Zeit die Verbraucher unmittelbar an
das Kohlensyndikat gewandt haben mit dem Ersuchen, an einen
weiteren Kreis von Verbrauchern als es bis dahin der Fall war, direkt
') Nach Pinner, „Krisentheorie“. DieBank. Jahrg. 1913. l.Bd. S. 325.
2 ) „Die gegenwärtige Wirtschaft!. Lage u. ihre voraussichtliche Dauer.“
Deutsche Wirtschaftszeitung. 2. Jahrg. 1906. S. 1070/71.
Mombert, Studium der Konjunktur.
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