246 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.
viel zu geringer, um hier ein eindeutiges Urteil abgeben zu können 1 ).
Löb meint, für den von ihm betrachteten Zeitraum, das letzte
Jahrfünft des 19. Jahrhunderts, daß weder das eine noch das andere
richtig sei, sondern daß beide Momente Ursache und Wirkung zugleich
gewesen waren. Es handelt sich hier letzten Endes um die Frage, ob
und in welchem Maße die Großbanken in der Hochkonjunktur der
Ausdehnung der Industrie gegenüber zu bremsen versuchen oder gar
noch im Gegenteil die treibende Kraft für Neugründungen und Be
triebserweiterungen, also für neue Kapitalinvestitionen, sind.
Wiewiorowski meint für die Geschäftspolitik der Groß
banken vor der Depression am Anfänge dieses Jahrhunderts und des
Jahres 1908, daß sie im allgemeinen maßvoll gewesen sei, daß
die Großbanken jedoch beide Male ohne Zweifel Kredite gewährt
haben, welche eine Überproduktion, bezw. Überspekulation, för
derten. Er hebt aber hervor, daß gegenüber früheren Zeiten eine
Besserung wahrzunehmen sei.
Auch von anderen Seiten werden ähnliche Ansichten vertreten:
Adolf Weher weist zwar darauf hin, daß die „Depositen- und
Spekulationsbanken“ ihre Geschäftspolitik zu sehr vom privatwirt
schaftlichen und zu wenig vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus
orientieren, daß sie zu sehr nur unter dem Gesichtspunkt disponieren,
möglichst wenig Zinsverlust zu erleiden, betont aber demgegenüber
doch: „Als einen besonders wichtigen Aktivposten wird man zu
gunsten unserer Banken die Tatsache buchen dürfen, daß unter ihrer
Mitwirkung in den letzten Jahrzehnten größere Ruhe in den Rhyth
mus unserer Volkswirtschaft gebracht worden ist. Wir haben ja ge
sehen, daß die Banken vermittels besseren Überblicks, zweck
mäßigeren Ausgleich des Risikos, der größeren Kraft zu intervenieren,
wie der Möglichkeit, den Konkurrenzkampf durch Einwirkung auf
die Konkurrenten, die Spekulationsbewegung durch Einwirkung auf
die Spekulation in volkswirtschaftlich gesunde Bahnen zu lenken,
auch durch rechtzeitigere und tiefere Sanierungen den von Zeit zu
Zeit unvermeidlich notwendigen volkswirtschaftlichen Gesundungs
prozeß zu verkürzen in der Lage sind. Allerdings mußte gleich
zeitig auch auf die Gefahr hingewiesen werden, daß die Depositen-
und Spekulalionsbanken in einer Zeit aufsteigender Konjunktur durch
freigebige Kreditgewährung zu sehr als Spekulationsbanken und in
Zeiten niedergehender Konjunktur durch ängstliche Einschränkung
l ) Vgl. dazu Jeidels, Das Verhältnis der deutschen Großbanken zur
Industrie mit besonderer Berücksichtigung der Eisenindustrie. Leipzig 1905. —
Ferner Loeb, Die Berliner Großbanken in den Jahren 1895—1902 und die
Krisis der Jahre 1900 und 1901. Schriften d. V. f. Sp. Bd. 90.