Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

44  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Wachstum  eines  Landes  üben  einen  tiefgehenden  Einfluß  auf  den
Güterverbrauch  und  damit  auch  auf  die  Güterproduktion  aus.  Unter
gewissen  wirtschaftlichen  Voraussetzungen,  welche  in  dieser  Zeit
zweifellos  gegeben  waren,  bedeutet  eben  jeder  Mensch  mehr  auch
eine  entsprechende  Vermehrung  von  Arbeitskraft,  hier  geht  im  allgemeinen ­
  das  Maß  der  wirtschaftlichen  Leistungsfähigkeit  eines
Volkes  mindestens  parallel  seinem  Wachstum.
„Wo  aber  bereits  gewisse  Fortschritte  der  Technik  und  Wirtschaft ­
  stattgefunden  haben,  wo  es  nicht  mehr  wie  auf  früheren
Stufen  sich  um  ein  Nebeneinander-,  sondern  um  ein  Ineinanderarbeiten ­
  der  Menschen  handelt,  wo  jede  Zunahme  der  Bevölkerung
ein  relativ  stärkeres  Fortschreiten  auf  diesen  Wegen  ermöglicht,
eine  relativ  immer  stärkere  Ausnutzung  der  natürlichen  Kräfte  eines
Landes  gestattet,  da  ist  es  möglich,  und  auch  oft  genug  der  Fall
gewesen,  daß  die  Produktivkraft  des  Einzelnen  wächst  mit  der  Zunahme ­
  der  Bevölkerung.  Das  ist  vor  allem  dort  der  Fall,  wo  das
Wachstum  der  letzteren  ein  Volk  dazu  zwingt,  um  der  Wirkung  des
Gesetzes  vom  sinkenden  Ertrag  zu  entgehen,  sich  den  Produktionszweigen ­
  zuzuwenden,  wo,  wenigstens  bis  heute,  die  Mehrverwendung
von  Kapital  und  Arbeit  zu  steigenden  Erträgen  führt.  Hier  kann  es
dann  wirklich  zeitweilig  der  Fall  sein,  daß  jeder  Volkszuwachs  eine
relativ  stärkere  Steigerung  der  Produktionsleistungen  bewirkt.  Dieser
Umstand  hat  in  hohem  Maße  dazu  beigetragen,  daß  gerade  in  den
letzten  Jahrzehnten  in  den  führenden  Industriestaaten  jene  gewaltige ­
  Zunahme  des  Wohlstandes  und  Reichtums  möglich  war,  ;wie  sie
frühere  Zeiten  nie  gekannt  haben.“ 1 )
In  einer  Zeit,  wie  vor  allem  in  der  zweiten  Hälfte  der  neunziger
Jahre,  wo  das  Wirtschaftsleben  allenthalben  so  gewaltige  Fortschritte ­
  in  technischer  und  organisatorischer  Hinsicht  machte,  da
mußte  eine  solche  Vermehrung  der  Kaufkraft  und  Arbeitsfähigkeit,
wie  sie  in  einer  solch  großen  Volkszunahme  steckte,  zweifellos  einen
Faktor  darstellen,  welcher  belebend  auf  die  Konjunktur  einwirken
konnte.  Hat  doch,  wie  die  starke  Einwanderung  fremder  Arbeitskräfte ­
  nach  Deutschland  in  dieser  Zeit  zeigt,  die  eigene  Arbeitsfähigkeit ­
  der  Bevölkerung  nicht  einmal  ausgereicht,  die  vorhandenen
technischen  und  wirtschaftlichen  Voraussetzungen  auszunutzen.  Es
sei  nur  darauf  hingewiesen,  daß  in  diesem  Jahrfünft  von  1895—1900
Deutschland  zum  ersten  Male  in  diesem  Jahrhundert  einen  Überschuß ­
  der  Ein-  über  die  Auswanderung  aufwies  und  daß  sich  in  *  II.

U  Mombert,  Bevölkerungslehre.  Im  Grundriß  der  Sozialökonomik.
II.  Abteilung.  2.  Aufl.  Tübingen  1923.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.