Full text : Handbuch der vergleichenden Statistik- der Völkerzustands- und Staatenkunde

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DEUTSCHLAND.  —  Finanzen.

fortwährend  in  den  verschiedenen  einzelnen  Cassen  der  so  mannichfach
gebildeten  Aemter  zerstreut  und  unbenützt  umher  liegen,  während  diese
Summen,  wenn  sie  je  in  einer  Anstalt  vereinigt  wären,  dem  grössten
Theile  nach  stets  nutzbringend  verwendet  werden  könnten.
Es  ist  eine  sehr  gewöhnliche  Berechnung  ;  die  Staatslasten  belaufen
sich  auf  so  viel,  folglich  treffen  so  viel  Thaler  auf  jeden  Kopf  der  Bevölkerung, ­
  Diese  Methode  führt  zu  irrigen  Schlüssen.  Es  muss  vor  Allem
der  Ertrag  der  homilnen  (unter  welchem  Ausdrucke  wir  der  Kürze  wegen
das  gesammte  unmittelbare  Staatseigenthum,  also  auch  Staatsforsten  und
Staatseisenbahnen  begreifen)  von  den  Lasten  der  Einwohner  abgerechnet
werden;  denn  die  Einkünfte  aus  dem  unmittelbaren  Eigenthume  des
Staats  bilden  keine  Last  der  Bürger;  je  mehr  Domänen,  desto  geringer
müssen  vielmehr  die  Lasten  sein;  blos  zur  Ergänzung  der  ursprünglich ­
  allein  zur  Deckung  des  Staatsbedarfs  bestimmten  —  Domänen ­
  hat  man  Steuern  eingeführt.  *)  Es  scheint  uns  daher  die  Ausscheidung ­
  der  Staatseinkünfte  nach  drei  Hauptkategorien  gerechtfertigt  :  Domänen, ­
  indirecte  Auflagen  und  directe  Steuern.  Dabei  darf  man  aber
nicht  (wie  der  sonst  so  verdienstvolle  Reden  gethan  die  Erträgnisse  der
sog.  Regalien,  Hoheitsrechte  und  Monopolanstalten  den  Domänen  beirechnen, ­
  Die  daher  rührenden  Einkünfte  sind  vielmehr  nichts  Anderes
als  indirecte  Aufiagen,  und  zwar  oft  von  der  allerdrückendsten  Art.  Zu
rei>artiren  bleiben  demnach  die  indirecten  Auflagen  und  die  directen
Steuern,  und  auch  diese  berechnet  man  besser  nach  Haushaltungen
(»Familien«),  als  nach  Köpfen,  Man  erhält  damit  einen  richtigem
üeberblick  der  Grösse  der  Last  ;  denn  nicht  die  Kinder,  die  verheiratheten
  Frauen  oder  die  Dienstboten  entrichten  die  Steuern  und  Abgaben,
sondern  das  Familienhaupt  ist  es,  welches  dieselben  in  der  Regel  aufzubringen ­
  hat.  Dabei  müssen  wir  allerdings  auf  den  bedeutenden  Unterschied ­
  in  der  Grösse  der  Haushaltungen  aufmerksam  machen.  Während
bei  der  Zählung  von  1858  jede  derselben  in  Preussen  durchschnittlich
4,82  Köpfe  umfasste,  zählte  deren  in  Bayern  jede  nur  4,  1ÎL**).
Wenn  man  im  Uebrigen  berechnen  will,  wie  viel  Procentc  vom  gesammten
  Staatsbedarfe  auf  einen  einzelnen  Ausgabeposten  kommen  (z.B.
auf  Militär,  Schuld,  Hof),  so  kann  nicht  der  Brutto-,  sondern  nur  der
Ac¿¿obetrag  des  Staatsbedarfs  als  Massstab  der  Berechnung  dienen.  Die
*)  Eine  besondere  Beachtung  verdiente  die  Ermittlung  des  Werthes  uud
Ertrages  derjenigen  Domänen,  welche  einst  Napoleon  in  der  unverantwortlichsten ­
  Weise  an  vormals  Reichsunmittelbare  überliess  ;  Besitzungen  die  ursprünglich ­
  wesentlich  zur  Deckung  der  Landesbedürfnisse  bestimmt  waren  und
nun  diesem  Zwecke  durch  einen  Federstrich  vollständig  entzogen  wurden
**)  Es  ist  diese  Erscheinung  noch  in  anderer  Hinsicht  bemerkenswerth.
In,Deutschland  hat  sich  die  Ansicht  sehr  verbreitet:  die  Freiheit  der  Ansässigmachung
  und  Verheirathung  führe  zur  leichtsinnigen  Begründung  von  Familien. ­
  Nun  ist  die  Ansässigmachung  in  1  reussen  erleichtert,  in  Baverii  erschwert;
man  sollte  also  glauben  die  Bevölkerung  sei  im  letzten  in  weniger,  folglich
zahlreichere  Familien  zusammengedrängt.  Die  Wirklichkeit  beweist  dasGt^entheil,
  und  dieses  Gegentheil  tritt  auch  in  den  einzelnen  Provinzen  Bayerns  hervor, ­
  wie  denn  z.  B.  in  der  Pfalz,  bei  voller  Freiheit  der  Ansässigmachung,  die
Haushaltung  durchschnittlich  4,53  Individuen  zählte,  demnach  0,34  mehr  als
im  Gesammtstaate.  Früher,  ehe  die  zahlreichen  AOswanderungen  conscriptioiispfiiehtiger
  Jünglinge  aus  der  Pfalz  stattfanden,  war  der  Unterschied  noch  viel
grösser.
            
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