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verhältnisse erblickt — präventive Hemmnisse — wenn auch in
anderem Sinne als in dem von Malthus angenommenen. Einen
kommenden Rückgang der Fortpflanzungsfähigkeit und da-
mit ein Aufhören des Volkswachstums als Ergebnis der immer
stärkeren Anstrengungen der Menschen, der Natur mehr Nahrungs-
mittel abzunehmen, hatte Spencer prophezeiht, eine Entwicklung,
die zu einem Gleichgewicht zwischen Naturgaben und Volkszahl,
also zu einem durchaus harmonischen Zustand hinüberführen müsse.
Es würde sich also hier um einen rein biologischen Anpassungs-
prozeß handeln.
Es besteht wohl kein Zweifel darüber, daß die beiden eben dar-
gelegten Voraussagen wenigstens innerhalb gewisser‘ Grenzen ein-
getroffen sind. Der Rückgang der ehelichen Fruchtbarkeit hängt
sicherlich auch z. T. mit einer Erschwerung der Lebensverhältnisse
und mit einem gewissen Rückgang in der Fortpflanzungsfähigkeit
zusammen. Aber mit beiden Erscheinungen doch nur z. T.
und jedenfalls nur zum geringeren Teil. Die Entwicklung in den
Kulturstaaten ist dahin gegangen, die rein biologischen Triebkräfte
bei der Vermehrung der Menschen immer mehr durch solche gesell-
schaftlicher Natur zu ersetzen und damit im Gegensatz zu älteren
Zeiten den Vermehrungsprozeß der Bevölkerung immer stärker von
den Wandlungen in der Größe des Nahrungsspielraumes loszulösen.
Dabei ist es an dieser Stelle gleichgültig, wie diese neuesten Wand-
lungen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus zu beurteilen
sind; in diesem Zusammenhang kommt es nur auf die Tatsachen
an. Wenn auch an dem Geburtenrückgang, wie wir gesehen haben,
die Gestaltung des Nahrungsspielraumes mitbeteiligt ist, so spielt
sie doch keineswegs die entscheidende Rolle dabei. Der Wille des
Menschen in den Kulturstaaten geht dahin, durch Kleinhaltung der
Familie und damit durch eine Verlangsamung des Volkswachstums
den Teil des Nahrungsspielraumes zu vergrößern, der auf den ein-
zelnen entfällt.
Im Grundgedanken widerspricht diese Entwicklung keines-
wegs der Auffassung von Malthus. Denn auch Malthus war
der Auffassung, daß die Lebenshaltung der Arbeiter sich bessern
könne, wenn die präventiven Hemmnisse an Bedeutung zunähmen *).
Auch heute handelt es sich bei dem Rückgang der Fruchtbarkeit
um präventive Maßnahmen, wenn auch um solche, die ausdrücklich
von Malthus verworfen wurden.
1) Ebenda, S. 503 u. 598/99.