fullscreen: Die deutsche Hausindustrie

122 V. Kap.: Volkswirtschaftliche und foziale Bedeutung der Hausinduftrie 
und die fich deshalb dem Verleger gegen die allerniedrigften Löhne zur 
Arbeit anbieten. Eine Fabrik oder grojze Werkftätte im Innern der Stadt 
zu errichten, kann vom Unternehmer wegen der enormen grojzftädtifchen 
Bodenpreife billigerweife nicht verlangt werden. Wohl aber mufz darauf hin 
gewirkt werden, dajz außerhalb der Peripherie der Gro(zftadt Fabriken errichtet 
werden zur Aufnahme der Hunderttaufende, die jetzt in der Stadt keine Arbeit 
finden als die mit Hungerlöhnen entgoltene Heimarbeit. Gleichzeitig mü(zte 
aber auch der Bau billiger Arbeiterwohnungen in der Nähe der Fabriken ge 
fördert werden. Eine Tendenz in diefer Richtung, eine Abwanderung der In- 
duftrie aus der Gro(zftadt in deren Umgebung hat man feit etwa einigen Jahr 
zehnten bereits wahrnehmen können. So iftBorfigausdem Innern von Berlin 
nach Tegel, Schwarzkopf nach Wildau hinausgezogen, und beide haben ihren 
Etabliffements draujzen hiibfche Arbeiterwohnungskolonien angegliedert. — 
Sollte aber das Privatkapital auf diefem Wege nicht voranfehreiten, jedenfalls 
füllten Staat und Kommune für einen billigen und leichten Transport der 
G r o jz f t a d t e i n w o h n e r an die draujzen liegenden Ar- 
beits ftätten forgen. — Infolge einer folchen Entwicklung der Dinge, 
welche die grojzen Bevölkerungsballen inmitten der Grojzftadt langfam auf 
lockerte, würden die ftädtifchen Wohnungs- und Mietpreife fich allmählich 
fenken, und es wäre Ausficht vorhanden, dajz auch in der Grojzftadt felbft 
grojze Werkftätten errichtet würden, welche die in ftädtifchen Bezirken 
ftets verbleibende Bevölkerung, namentlich die weibliche Arbeiterfchaft auf 
nehmen könnten. 
Da der grofzftädtifchen Hausinduftrie beftändig neue Arbeitskräfte zu- 
fliejzen durch die Zuwanderung vom Lande, fo wäre das Übel an der Wurzel 
getroffen, wenn die Landbewohner injenenBezirken, dieammeiften 
durch die Abwanderung entvölkert werden, an der 
Scholle feftgehalten werden könnten. Es kommen hier 
vor allem in Betracht die Gebiete des nördlichen und nordöftlichen Deutfch- 
land, in denen der Grofzgrundbefitz ftark vertreten ift. Hier find es insbefondere 
die grundbefitzlofen Gutstagelöhner, die in ihrer abhängigen Lage, in ihrer 
Ifolierung von der ihr fozial am nächften ftehenden Schicht der ländlichen 
Bevölkerung, den Bauern, ferner in ihrer Heimatlofigkeit, in der Unficher- 
heit ihrer Stellung, in dem Mangel an Ausficht, fpäter einmal in den Befitz 
eines kleinen Grundeigentums und damit einer geficherten Exiftenz zu gelangen, 
ebenfoviel Gründe erblicken, mit ihren Angehörigen in der Grojzftadt einen 
höhern und dauernden Erwerb zu fuchen. *) Hier fallen fie dann maffenweife 
') Vgl. Frhr. von der Goltz-Wygodzinski, Art. „Landwirtfchaftliche 
Arbeiter“ in Elfters Wörterbuch der Volkswirtfchaft 3 1!, 249-
	        
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