Full text : Die deutsche Hausindustrie

120  V.  Kap.:  Volkswirtfchaftliche  und  foziale  Bedeutung  der  Hausinduftrie

Die  Bahn,  die  in  entlegene  Gebirgsgegenden  die  unerläßliche  Vorbedingung
für  die  Fabrik,  die  Kohle  bringt,  die  die  Zufuhr  von  Rohftoffen  und  Werkzeugen ­
  wie  den  Abfatz  von  fertigen  Produkten  erleichtert  und  häufig  er  ft
überhaupt  möglich  macht,  wird  zweifelsohne  an  vielen  Punkten  das  Privatkapital ­
  anlocken,  das  zum  Bau  von  Fabriketabliffements  hier  einen  günftigen
Standort  erblickt.  Günftige  Abfatzgelegenheit,  billiges  Terrain,  Arbeitsangebot
haben  von  jeher  auf  die  Fabrik  große  Anziehungskraft  ausgeübt.  Man  wird
daher  wohl  fagen  können,  daß  die  Fabrik  in  vielen  Fällen  der  neuerbauten
Eifenbahn  auf  dem  Fuße  nachfolgt.  Und  zwar  wird  es  im  Intereffe  der  Unternehmer ­
  wie  der  bis  dahin  hausinduftriellen  Arbeiter  am  beften  eine  folche
Fabrik  fein,  welche  die  ererbte  und  durch  lange  Gewöhnung  erlernte  Gefchicklichkeit
  der  Arbeiter  fich  zunutze  macht.  An  den  Hausweberplätzen  wird  die
mechanifche  Webfabrik  diejenige  fein,  in  welche  fich  die  ehemaligen  Hausweber ­
  am  erften  eingewöhnen.  Sombarts  alter  Wunfch  ift  ganz  berechtigt,
daß  die  eingewurzelte  Webergefchicklichkeit  nicht  durch  Übergang  in  andere
Berufe  verloren  gehe,  fondern  in  der  Fabrik  weiterwirke.  —  „Und  wo  ausnahmsweife ­
  die  Privatinduftrie  fich  unfähig  zeigt,  Fabrikarbeit  zu  bringen,
da  möge  der  Staat  fich  der  Aufgabe  erinnern,  der  er  in  Schlefien  große  und
gerechte  Opfer  gebracht,  energifche  Dienfte  geleiftet  hat:  der  Überführung
einer  unhaltbaren  Hausinduftrie  in  Fabriken  durch  Hergabe  von  Kapital  |eitens
des  Staates.  Die  mechanifchen  Spinnereien,  die  der  preußifche  Staat  in
Schlefien  anlegte,  und  die  andern  Fabriken,  die  er  dort  mit  Geld  unterftützte,
find  vorbildliche  Taten.“  Staat  und  Gemeinde  würden  ficher  den  Vorwurf
des  Staatsfozialismus  nicht  verdienen,  wenn  fie  auf  folche  Weife  einem  ausbeuterifchen
  Betriebsfyftem  ein  Ende  bereiteten  und  eine  verelendete  und  immer
tiefer  finkende  Bevölkerung  zu  einer  höhern  Stufe  emporführten.  Man  follte
eben  nichts  unverfucht  laffen,  die  Bevölkerung  in  abgelegenen  Bezirken  an
Ort  und  Stelle  dauernd  und  gegen  angemeffenen  Lohn  zu  befchäftigen  und  fie
vor  der  Abwanderung  in  die  Großftadt  bewahren.  Es  ift  wirklich  fchade,
daß  die  gute  —  hygienifch,  fozial  und  fittlich  gute  —  Luft  auf  dem  Lande  und
im  Gebirge  nicht  geatmet  werden  foll.  *  2 )
Der  hier  gedankenmäßig  ausgeführte  urfächliche  Zufammenhang  zwifchen
Bahn  und  Fabrik  ift  deutlich  zu  fehen  in  dem  früher  durch  und  durch
2 )  Wilbrandtin  „Soziale  Praxis“  XVI,  Sp  85.
2 )  Auch  dadurch  hat  der  Staat  in  ländlichen  Gegenden,  namentlich  Hausweberbezirken, ­
  fich  fehr  verdient  gemacht,  dafc  erfürdieÜberführungdcrKinder
von  Hausinduftriellen  in  andere  Berufe  Sorge  trug.  So  hat
die  Regierung  in  Schlefien  und  in  der  Provinz  Sachfen  Stipendien  und  Prämien  für
die  Überführung  von  Weberföhnen  zu  anderer  Bcfchäftigung  ausgefetzt.
            
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