Full text : Methodische Einführung in die allgemeine Wirtschaftsgeographie

§  9.  Der  Luftverkehr.

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kennen,  so  sind  diese  Einflüsse  innerhalb  des  eben  erst  dem  Verkehr
gewonnenen  Elementes  um  so  größer,  als  ihm  unter  den  Trägern  der
Verkehrsmittel  nicht  allein  die  stärkste,  sondern  zugleich  die  am
schnellsten  wechselnde  Bewegung  zukommt.  Während  die  Gewässer
des  Festlandes  ihre  Bewegungsrichtung  gar  nicht,  die  Strömungen
des  Meeres  die  ihre  ebenfalls  nur  sehr  wenig  ändern,  und  während
die  Geschwindigkeit  ihrer  Bewegung  sich  an  der  gleichen  Stelle  nur
in  geringem  Maße  ändern  kann,  gilt  dies  von  dem  Luftozean  leider
nicht.  Hier,  in  der  freien  Atmosphäre,  ist  die  Eigenbewegung  des
Verkehrsmediums  nicht  allein  hinsichtlich  ihrer  Stärke,  sondern  auch
hinsichtlich  ihrer  Richtung  auch  an  ein  und  derselben  Stelle  über
dem  Erdboden  ständig  dem  größten  Wechsel  unterworfen.  Dazu
kommen  aber  noch  andere  Eigenschaften,  die  bei  den  beiden  anderen
Trägern  der  Verkehrsmittel  gleichgültig  sind  (ausgenommen  sind  nur
die  tieferen  Frostgrade  beim  Wasser);  dies  sind  die  Temperatur,  die
Strahlung  und  der  Druck  der  Luft,  die  alle  beim  mit  Gas  gefüllten
Luftschiff  eine  Rolle  spielen.  So  entsteht  für  den,  der  sich  mit  der
Luftschiffahrt  ebenso  beschäftigen  will  wie  der  Seefahrer  mit  der
Nautik  und  der  gewissermaßen  eine  Fahrtanweisung  für  Luftschiffe
bearbeiten  wollte,  ein  unendlich  viel  komplizierteres  Bild  als  dasjenige,
das  uns  etwa  die  Segelhandbücher  der  großen  ozeanographischen  Institute ­
  von  den  Ozeanen  entwerfen.
Da  wir  vorläufig  nicht  wissen,  ob  der  Aeroplan  einmal  den  Rang
eines  wirklichen  Verkehrsmittels  erreichen  wird,  was  ja  seiner  außerordentlichen ­
  Bedeutung  auf  anderen  Gebieten  gar  keinen  Abbruch
tut,  so  wenden  wir  uns  dem  Luftschiff  zu,  für  das  zunächst  derselbe
Satz  von  der  Stromversetzung  gilt  wie  vom  Schiff  innerhalb  der
Meeresströmung  oder  in  einem  fließenden  Gewässer,  daß  nämlich  die
Eigenbewegung  des  Mediums,  in  dem  sich  das  Fahrzeug  bewegt,  je
nach  der  Richtung,  in  der  dieses  fährt,  einen  Gewinn  oder  einen  Verlust ­
  an  Zeit  bzw.  an  motorischer  Kraft  bedeutet.  Was  hat  nun
aber  die  Wirtschaftsgeographie  von  einem  echten  Verkehrsmittel ­
  zu  verlangen?  Doch  wohl  zunächst,  daß  es
auf  einer  bestimmten  Route  möglichst  gleich  mäßig
arbeitet,  d.  h.  daß  die  Innehaltung  gerade  dieser  Route
eine  möglichst  sichere  Berechnung  sowohl  der  Fahrzeit ­
  als  auch  der  Betriebskosten  erlaubt.  Je  weniger  das
bei  einem  Transportmittel  irgendwelcher  Art  geschehen  kann,  um  so
weniger  hat  es  Anspruch  auf  die  Bezeichnung  eines  „Mittels  des
Verkehrs“.
Das  eben  von  der  Stromversetzung  Gesagte  bedingt  aber  bei
der  geographischen  Eigenart  der  Atmosphäre  ein  Höchstmaß  von
Unsicherheit,  wie  es  im  Wasser-  und  Landverkehr  für  die  heute  verwendeten ­
  Fahrzeuge  so  gut  wie  nirgends  vor  kommt.
Beispiel:  Nehmen  wir  an,  ein  Luftschiff  solle  bei  Südwestwind  mit  einer
Stärke  von  10  Sekundenmetern  in  der  durchfahrenen  Luftschicht  und  bei  einer
Eigengeschwindigkeit  von  20  m  von  Halle  nach  Berlin  fahren,  also  eine  geradlinige
Entfernung  von  rund  150  km  zurücklegen.  Es  fahre  um  10  Uhr  vormittags  von
Halle  ab  und  kommt  dann,  da  es  nunmehr  mit  einer  Fahrgeschwindigkeit  von
BO  Sekuudenmetern  vordringt,  11  Uhr  20  Minuten  in  der  Eeichshauptstadt  an.  In
diesem  Falle  entspricht  also  der  Zeitgewinn  demjenigen  der  Talfahrt  eines  Flußdampfers ­
  auf  einem  Strome.  Bei  der  Rückfahrt,  die  es  um  12  Uhr  mittags  von
Berlin  aus  antritt,  hat  es  mit  10  m  Verlust  an  der  eigenen  Geschwindigkeit  zu
rechnen,  legt  also  über  dem  Boden  nur  10  m  in  der  Sekunde  zurück  und  kommt
            
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