Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

94 Erstes Buch. Die Begründer. 
nisse triumphieren, und die folglich die Einheit des ganzen Systems aus 
macht ? 
Wir sind ihr schon mehr als einmal begegnet; es ist das Selbst 
interesse oder, wie Smith es lieber ausdrückt: „das natürliche Streben 
jedes Menschen, seine Lage zu verbessern 1 ).“ Hierin liegt die wirkliche, 
jedem Einzelwesen innewohnende Triebkraft, die das Leben und den 
Fortschritt der Gesellschaft sichert. 
Zweifellos ist sie nicht die einzige. Smith ist niemals einseitig. Er 
weiß, daß es neben dem Eigennutz noch andere menschliche Leiden 
schaften gibt 2 ). Er erwähnt sie an verschiedenen Stellen — wie dort, 
wo er der „kindischen Eitelkeit“ 3 ) der Grundbesitzer eine so bedeutende 
und wohltuende wirtschaftliche Umwälzung wie die der Emanzipation 
der Landarbeiterschaft zuschreibt. — Ohne Zweifel ist Smith ferner 
nicht darüber in Unkenntnis, daß der Eigennutz nicht bei allen Menschen 
gleichmäßig ausgebildet ist, und daß die persönlichen Beweggründe die 
größte Mannigfaltigkeit zeigen. Man hat ihm vorgeworfen, dies übersehen 
zu haben; man hat ihn angeklagt, einen homo oeconomicus in alle 11 
Stücken konstruiert zu haben, eine böse Karikatur der Wirklichkeit» 
der sich wie ein Automat ausschließlich durch die Sorge um sein ma 
terielles Interesse leiten läßt. Die nationale Eitelkeit hat sich eingemischt 
und hat behauptet, daß das, was er sage, vielleicht von den Engländer» 
und den Schotten wahr sei; wenn er aber die Deutschen und die Franzose» 
gekannt hätte, die weniger gewinnsüchtig seien, würde sein Urteil g»» 2 
anders ausgefallen sein. Dies alles beruht aber auf einem Mißverständnis- 
Smith selbst ist der erste gewesen, der darauf hingewiesen hat, daß sich 
seine Bemerkungen nicht auf alle Menschen, sondern auf die Allgemei»' 
heit der Menschen beziehen. In jedem Augenblicke erinnert er daran, 
daß er von einem mit „gesundem Menschenverstand“ 4 * ) oder mit „gewöh»' 
lichem Verstände“ 6 ) begabten Menschen spricht. Er weiß sehr wohl» 
daß „wenn auch nicht das Betragen jedes Einzelnen immer von de» 
Regeln gewöhnlicher Klugheit geleitet wird, so herrschen diese doch stets 
in den Handlungen der großen Mehrzahl“ 0 ). Seine Beweisführung s<m 
1) Vgl. im besonderen: I, S. 202, B. II, Kap. III; II, S. 69, B. IV, Kap. V; »» d 
vor allem: II, S. 152, B. IV, Kap. IX. , 
2 ) „Ohne alle Einmischung des Gesetzes bewegen also schon Privatinteresse ®» 
Leidenschaften die Menschen, das Kapital der Gesellschaft unter die verschiede»® 
Unternehmungen möglichst in dem Verhältnisse zu verteilen, welches dem Intere® 6 
der ganzen Gesellschaft am angemessensten ist“ (II, S. 125, B. IV, Kap. VII, Ted. ^ 
Daß die Anwendung des Wortes „Leidenschaften“ (oder Neigungen) keine zufällig® 1 ^’ 
geht schon daraus hervor, daß es sich dreimal auf der Seite des zitierten Textes fi® e 
3 ) Völkerreichtum I, S. 243, B. III, Kap. IV. 
4 ) Völkerreichtum I, S. 165, B. II, Kap. I am Ende. 
“1 Völkerreichtum I, S. 206, B. II, Kap. IV am Anfang. 
6 ) Völkerreichtum I, S. 172, B. II, Kap. II.
	        
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