Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Adam  Smith.

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besitzer,  wie  die  Kapitalisten  „gern  dort  ernten,  wo  sie  nicht  gesät  haben“,
—  er  weist  auf  die  Ungleichheit  der  sozialen  Lage  hin,  die  dem  Arbeitgeber ­
  bei  der  Festsetzung  des  Lohnes  den  Vorteil  über  den  Arbeitnehmer
gibt 1 ).  —  Zins  und  Rente  sind,  wie  wir  gesehen  haben,  an  mehr  als  einer
Stelle  als  Abzüge  von  dem  Arbeitserträge  dargestellt 2 ),  so  daß  Smith
wohl  als  der  wahre  Vorläufer  des  Sozialismus  angesehen  werden  könnte.
Er  sträubt  sich  durchaus  nicht,  anzuerkennen,  daß  (ausgenommen  in
den  Kolonien),  Rente  und  Kapitalgewinn  den  Arbeitslohn  aufzehren,
und  daß  die  beiden  höheren  Stände  des  Volkes  den  niederen  unterdrücken ­
 3 ).
Es  ist  um  so  wichtiger,  diese  Urteile  zu  verzeichnen,  weil  man  oft
annimmt,  daß  der  Optimismus  Smith’s  sich  ebenso  auf  die  Verteilung
als  auf  die  Produktion  erstrecke.  Smith  hat  dazu  einen  viel  zu  gesunden
Menschenverstand.  J.-B.  Say  selbst  drückt  bis  in  die  letzten  Ausgaben
seines  „Traitö“  Zweifel  an  der  Gerechtigkeit  der  Güterverteilung  aus 4 ).
In  Wirklichkeit  hat  sich  Smith  mit  dieser  Frage  nicht  befaßt;  erst  später,
als  die  Sozialisten  auf  die  Bedeutung  dieser  Frage  hingewiesen  hatten,
hat  man  als  Reaktion  dagegen  die  Auffassung  von  der  Vortrefflichkeit
der  selbstentstandenen  wirtschaftlichen  Einrichtungen  auch  auf  die
Güterverteilung  ausgedehnt.
So  darf  daher  der  Optimismus  Smith’s  nicht  mit  dem  der  modernen
Hedonisten,  noch  mit  dem,  den  Bastiat  späterhin  zur  Bekämpfung
des  Sozialismus  konstruierte-,  verwechselt  werden.  Er  hat  weder  die
wissenschaftliche  Schärfe  des  ersten  noch  die  apologetische  Tendenz
des  zweiten.  Er  ist  kaum  mehr  als  der  Wiederschein  jener  ein  wenig
kindlichen  Vertrauensseligkeit,  die  das  ganze  18.  Jahrhundert  der  Güte
der  Natur  entgegenbrachte,  und  ist  mehr  der  Ausdruck  eines  tiefen  Gefühls ­
  als  der  Schluß  aus  einer  scharf  gefaßten  Beweisführung.
§  3.  Die  wirtschaftliche  Freiheit  und  die  Theorie  vom
internationalen  Handel.
Das  praktische  Ergebnis  des  Naturalismus  und  des  Optimismus
Smith’s  ist  selbstverständlich  die  wirtschaftliche  Freiheit.  Sie  ergibt
b  Völkerreichtum  I,  S.  37,  B.  I,  Kap.  VIII.  Die  Meister  haben  die  Oberhand ­
  in  diesen  Streitigkeiten:  1.  „da  sie  sich  leichter  verbinden  können“;  2.  da  sie
® s  »viel  länger  aushalten  können“  dank  ihrer  Hilfsmittel;  „viele  Arbeiter  dagegen
können  nicht  eine  Woche,  wenige  nur  einen  Monat  und  kaum  einer  ein  Jahr  ohne  Beschäftigung ­
  bestehen“.
a )  Vgl.  oben  S.  86.
3 )  Völkerreichtum  II,  S.  86,  B.  IV,  Kap.  VII,  Teil  2,  am  Anfang.
4 )  Say  wirft  betreffs  der  Arbeiterklasse  die  Frage  auf:  „Ist  es  wirklich  so
3 *cher,  daß  ihr  Anteil  am  Erzeugnis  ganz  genau  im  Verhältnis  zu  dem
Anteil,  den  sie  an  der  Erzeugung  nimmt,  steht?“  (Traitö,  Ausg.  6,  S.  116).
            
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