Kapitel II. Adam Smith.
geht, so ist er doch noch nicht zu einer befriedigenden Theorie gelangt.
Ricardo und seinen Nachfolgern, im besonderen Stuart Milr, wär es
Vorbehalten, der Theorie des internationalen Handels eine feste Grundlage
zu geben. Die Lehre des schottischen Nationalökonomen war noch
unsicher; aber sogar die Unsicherheiten eines großen Gelehrten sind
manchmal interessant. Sie verdienen hier aufgezählt zu werden.
Schon bei der Darlegung seiner Geldtheorie haben wir die Gründe
betrachtet, die Smith aus ihr gegen die Theorie der Handelsbilanz ableitet.
Aber die Theorie der Handelsbilanz ist nicht das ganze Schutzzollsystem,
und man findet bei Smith noch etwas anderes als eine Widerlegung:
zunächst eine Kritik des Schutzzollsystems im Allgemeinen,
die dessen spezifisch merkantilistische Form außer acht läßt, und weiter
eine Untersuchung, um die positiven Vorteile des internationalen Handels
auseinander zu setzen.
Seine Kritik des Schutzzollsystems stützt sich in erster Linie auf
die bekannte Behauptung, daß das Kapital die Industrie begrenzt. „Der
allgemeine Gewerbefleiß der Nation kann niemals weiter gehen, als das
Kapital der Nation reicht, durch welches er in Gang gesetzt wird.“ Was
tut aber der Schutzzoll? Kann er das Kapital des Landes vermehren?
Keinesfalls! „Er kann nur einen Teil des Gewerbfleißes in eine Richtung
hineinleiten, die er sonst nicht genommen haben würde.“ Aber ist die
Kichtung, die die Privatpersonen von selbst ihren Kapitalien geben,
ßicht auch die, die für den Gewerbefleiß eines Landes am vorteilhaftesten
ist? Hat Smith das nicht schon bewiesen? Das Schutzzollsystem ist
daher nutzlos und sogar schädlich 1 ).
Die Beweisführung erscheint nicht durchschlagend, wenn man
sich die oben ausgeführte Kritik deä Optimismus Smith’s vor Augen
hält. Um den Ausdruck Pareto’s anzuwenden, ist es das Maximum
an Ophelimität, nicht das Maximum an Nützlichkeit (utilitö),
das die Kapitalisten unter dem Einfluß des Selbstinteresses verwirklichen.
Der Widersinn, daß ein Land mit großen Kosten die Gegenstände
hei sich fabriziert, die das Ausland ihm billiger liefern kann, dient Smith
Zu einem weiteren, noch stärkeren Beweise. „Bei jedem klugen Hausvater
ls t es eine Regel, niemals etwas im Hause machen zu lassen, was ihm
weniger kosten würde, wenn er es kaufte ... Was aber in der Handlungsweise
einer Familie Klugheit ist, das kann in der eines großen Reiches
Wohl schwerlich Torheit sein“ 2 ). Welcher Wahnsinn ist es, in Schottland
ttdt großem Aufwande an Treibhäusern Wein fabrizieren zu wollen, den
•toan billiger aus Frankreich oder Portugal kommen lassen kann! Das
') Völkerreichtum II, S. 15, B. IV, Kap. II,
2 ) Völkerreichtum II, S. 17, B. IV, Kap. II.