Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

110  Erstes  Buch.  Die  Begründer.
vieler  einzelner  geradezu  im  Wege“ 1 ).  Diese  Voraussage  ist,  wie  so  viele'
andere,  durch  die  Tatsachen  widerlegt  worden.  England  hat  im  19.  Jahrhundert ­
  fast  vollständig  die  „Utopie“  des  absoluten  Freihandels  verwirklicht. ­

Ohne  Illusionen  über  die  Zukunft,  verurteilt  er  ebensowenig  alle
Maßnahmen  der  Vergangenheit.  Er  rechtfertigt  sogar  selbst  gewisse
Akte  der  merkantilistischen  Politik.  So  schreibt  er,  daß  die  Navigationsakte ­
 2 )  dem  Handel  nicht  günstig  gewesen  sind;  sie  waren  aber  vielleicht
die  weiseste  handelspolitische  Verordnung  Englands,  denn  „die  nationale
Verteidigung  ist  weit  wichtiger  als  Reichtum“ 3  4  5 ).  In  einem  anderen  Falle
tritt  er  für  die  Berechtigung  der  Einfuhrzölle  ein,  wenn  nämlich  die  iß 1
Lande  hergestellten  gleichen  Waren  einer  Binnensteuer  unterliegen  5
in  diesem  Falle  stellt  der  Zoll  nur  die  durch  die  Steuer  gestörten  normalen
Konkurrenzbedingungen  wieder  her.  Auch  verwirft  er  Vergeltungszölle ­
  nicht  absolut,  wenn  sie  auf  Abschaffung  fremder  Zölle  hinzielen  *)-Und
  endlich  gibt  er  zu,  daß  für  Industrien,  die  seit  langem  durch  Zölle
besonders  geschützt  waren,  und  die  eine  große  Anzahl  Arbeiter  beschäftigen, ­
  die  Zollfreiheit  nur  allmählich  eingeführt  werden  könne 8 ).
Smith  kommt  zu  folgenden  praktischen  Schlußfolgerungen:  an
Stelle  der  zahllosen  Zölle,  die  die  Einfuhr  und  die  Produktion  erschweren, ­
  sollte  England  sich  mit  einer  gewissen  Anzahl  rein  fiskalischer
Zölle  auf  solche  ausländische  Waren  begnügen,  deren  Verbrauch  sehr
allgemein  ist;  wie  Wein,  Alkohol,  Zucker,  Tabak,  Kakao.  Dieses  mit
einer  weitgehenden  Handelsfreiheit  völlig  vereinbare  System  würde
der  Staatskasse  sehr  bedeutende  Einnahmen  sichern  und  die  Verluste,
die  sich  für  sie  aus  der  Einführung  des  Freihandels  ergeben,  reichlich
ersetzen 6  * ).
England  ist  diesem  Vorschläge  gefolgt,  und  sein  heutiges  Zollsystem
beruht  auf  dieser  Basis.  Wenige  Nationalökonomen  können  sich  einer
so  vollständigen  Verwirklichung  ihrer  Ideen  rühmen.
1)  Völkerreichtum  II,  S.  26,  B.  IV,  Kap.  II  am  Ende.
2 )  Man  nennt  „Navigationsakte  (Acts  of  navigation)  eine  Reihe  von  Gesetzen?
deren  wichtigste  aus  der  Zeit  Cromwell’s  stammen.  Ihr  Zweck  war,  den  englische 11
Handel  zu  zwingen,  sich  fast  ausschließlich  englischer  Schiffe  zu  bedienen,  um  so  e* 116
starke  englische  Flotte  zu  schaffen  und  die  Vorherrschaft  der  holländischen  Schif fe
zu  vernichten.  Diese  Gesetze  scheinen  auch  wirklich  außerordentlich  zu  der  enorme* 1
Entwicklung  der  englischen  Flotte  beigetragen  zu  haben.
3 )  Völkerreichtum  II,  S.  22,  B.  IV,  Kap.  II.
4 )  Aber  „wenn  keine  Wahrscheinlichkeit  dafür  vorhanden  ist,  daß  man  solche®
Widerruf  durchsetzen  könne“,  so  verwirft  er  Vergeltungsmaßregeln,  „denn  es  sehe 111
eine  schlechte  Methode  zu  sein,  den  Schaden,  der  gewissen  Klassen  unseres  Volk eS
zugefügt  wird,  dadurch  wieder  gutmachen  zu  wollen,  daß  wir  selbst  nicht  nur  dies® 11
Klassen,  sondern  auch  fast  allen  übrigen  Schaden  zufügen“  (II,  S.  24,  B.  IV,  Kap.  D'”
5 )  Die  Besprechung  dieser  verschiedenen  Fälle  findet  sich  am  Ende  tle "
II.  Kapitels  des  IV.  Buches.
')  Dies  System  wird  im  V.  Buch,  Kap.  II,  2.  Teil,  §  5  erörtert.
            
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