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Erstes Buch. Die Begründer.
scheint auch zuerst das berühmte Wort geprägt zu haben: „Jede Re
gierung, auch die beste, ist ein Übel.“ Auf jeden Fall war er mit seinem
unbegrenzten Vertrauen auf die Zukunft der Gesellschaften ein Vor
läufer des Anarchismus; gleiches Vertrauen brachte er dem Fortschritt
der Wissenschaft entgegen, der die Produkte in einem solchen Maßstab
vermehren werde, daß eine halbstündige tägliche Arbeit genügen würde,
um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Ebenso dachte er auch hinsichtlich
.der Entwicklung der Vernunft, die die Einzelinteressen und den Kampf
um den Profit zügeln werde. Ist aber nicht zu befürchten, daß an dem
Tage, an dem das Leben so leicht und angenehm sein wird, die Menschen
sich so vermehren werden, daß die Erde sie nicht mehr ernähren kann ? —
Als Godwin diese Frage stellte, ahnte er sicherlich kaum, welches furcht
bare Problem er damit anschnitt. In seinem unerschütterlichen Vertrauen
antwortete er ohne weiteres, daß diese Möglichkeit sich „erst in vielen
Jahrtausenden“ verwirklichen könne, daß sie wahrscheinlich überhaupt
nicht eintreten werde, weil die Vernunft die geschlechtlichen Triebe nicht
weniger kräftig, wie die Sucht nach Profit im Zaume halten würde; und
er erblickte sogar in der Ferne einen gesellschaftlichen Zustand, in dem
„der Geist die Sinne so sehr beherrschen wird, daß die Fortpflanzung
auf hört“, und in dem der Mensch unsterblich sein wird 1 ).
Zur gleichen Zeit erschien in Frankreich ein Buch, das mit dem
Godwin’s große Ähnlichkeit hatte: Esquisse d’un tableau histo-
rique des progres de l’Esprit humain (Skizze einer ge
schichtlichen Darstellung des Fortschrittes des Menschengeistes) von
Condorcet (1794). Es atmpt das gleiche Vertrauen in das Vorwärts
schreiten der menschlichen Gesellschaften dem Glücke entgegen, in
die Allmacht der Wissenschaft, — die, wenn sie den Tod nicht aus
der Welt schaffen kann, ihn wenigstens in weite, weite Ferne zu
rücken vermag 2 ); — und diese Zuversicht ist nicht ohne eine ge
wisse Tragik bei einem Manne, der seinem Leben durch Gift ein Ende
machte, um der Guillotine zu entgehen. Wenn aber der Tod abgeschafft
werden soll, so stellt sich Condorcet die gleiche Frage wie Godwin:
wie wird die Erde dann die Menschen ernähren können? Er gibt etwa
die gleiche Antwort: nämlich, entweder wird die Wissenschaft dazu ge
langen, die Nahrungsmittel über jede denkbare Grenze hinaus zu ver
mehren, oder aber die Vernunft wird ein unbedachtes Überhandnehmen
der Bevölkerung zu verhindern wissen.
Unausbleiblich mußte ein so stürmischer Optimismus eine Reaktion
hervorrufen, auf Grund des ewigen Rhythmus, der die Geschichte der
*) Godwin: Political Justice, B. VIII, Kap. VII; Neudruck^ London, 1890.
2 ) „Allerdings wird der Mensch nie unsterblich werden, aber öS ist nicht möglich»
daß der Zeitraum zwischen dem Augenblick, in dem er zu leben anfängt, und dem,
in dem er zu leben aufhört, endlos ausgedehnt werden kann?“