Kapitel III. Die Pessimisten.
159
»
an Arbeit und Kosten, der zu leisten wäre, den Mehrertrag, den er erhalten
kann, bedeutend übersteigt. Das nennt man das Gesetz des sinkenden
Bodenertrages.
Dieses Gesetz bildet einen integrierenden Bestandteil der Ricardo-
schen Theorie, ohne dessen Berücksichtigung sie unverständlich bleibt,
wie es auch der malthusischen Theorie unausgesprochen zugrunde lag.
übrigens ist es schon von Turgot entdeckt und mit bewunderungs
würdiger Kraft und Klarheit formuliert worden: „Man kann niemals
annehmen, daß verdoppelte Aufwendungen das Produkt verdoppeln“ 1 ).
Und Malthus wiederholt nur, wahrscheinlich ohne sie zu kennen, die
Stelle, wo Turgot sagt: „es ist selbstverständlich, daß, im Maße wie die
Bewirtschaftung sich ausdehnt, der jährliche Zuwachs des Durchschnitts
ertrages ständig geringer wird“ 2 ). Ricardo sah dies Gesetz unter seinen
Augen in Kraft. Oft spricht er, wenn auch etwas dunkel, von der Ver-
*) Turgot, Observations sur un Mömoire de M. de Saint-Pöravy,
®uvres I, S. 420.
„Man kann niemals annehmen, daß die Verdoppelung der Vorschüsse eine Ver
doppelung des Ertrages ergebe . ..“
„Es ist mehr als wahrscheinlich, daß jede Erhöhung der Vorschüsse, die nach
und nach, bis zu dem Punkte, wo sie nichts mehr einbringen, vorgenommen wird,
einen nach und nach geringer werdenden Ertrag bringen. In diesem Falle würde es
mit der Ertragsfähigkeit des Bodens wie mit einer elastischen Feder stehen, die man
durch eine wachsende Belastung mit gleichen Gewichten zu spannen trachtet. Wenn
das Gewicht leicht ist, und die Feder nicht sehr elastisch, wird die Wirkung der ersten
Belastungen fast Null sein. Wenn das Gewicht genügend schwer wird, um den ersten
Widerstand zu überwinden, wird die Feder bemerkbar nachgeben und sich biegen;
wenn sie aber bis zu einem bestimmten Punkt gebogen ist, wird sie dem auf sie aus
geübten Druck größeren Widerstand entgegensetzen und ein Gewicht, unter dem sie
am Anfang um einen Zoll nachgegeben hätte, wird sie nur noch um eine halbe Linie
biegen. So wird die Wirkung beständig geringer werden.“
„Dieser Vergleich ist zwar nicht ganz genau, genügt aber, um verstehen zu lassen,
wie es kommt, daß auch eine sehr hohe Kostenaufwendung den Ertrag nur sehr wenig
steigern kann, wenn der Boden nahe an die Grenze seiner Ertragsfähigkeit gelangt ist.“
Der durchdringende Geist Tubgot’s hat damit eine in den Darlegungen der
klassischen Ökonomisten gewöhnlich unbeachtet gebliebene Tatsache hervorgehoben,
nämlich, daß es am Beginn der Bodenbewirtschaftung eine Periode des Optimum gibt,
während der der Ertrag mehr als proportional ist.
s ) Bemerkenswert ist, daß das Gesetz des sinkenden Bodenertrages (loi du
rendement non-proportionel) sich schon in der zweiten der beiden berühmten Pro
gressionsreihen Malthus’ findet, denn die arithmetische Reihe, die er als Maßstab
des Wachstums der Lebensmittel gibt — 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, . . . 100, usw. setzt
natürlich ein um so langsameres Wachstum voraus, je höher die Reihe steigt, d. h. die
Zeit fortschreitet. Ein Feld gibt z. B. einen Ertrag 1; in 26 Jahren 2 oder 100% mehr,
was nichts besonders Wunderbares hat, weil es in die erste Zeit der Bewirtschaftung
fällt. Am Ende einer zweiten Periode von 25 ist der Ertrag gleich 3; die Vermehrung
*st immer gleich 1, aber die Proportion ist jetzt nur noch 50%; so fällt das Wachstum
auf 33 %, 25 %, 20 % und am Ende der 100. Periode nach 2500 Jahren beträgt es nur
noch 1 % und wird stetig, wenn auch immer langsamer, geringer.