170
Erstes Buch. Die Begründer.
Zustand von Dauer sein wird? Wenn der unvermeidliche Tag kommen
wird, an dem die neuen Länder so weit bevölkert sein werden, daß sie das
jetzt ausgeführte Getreide im Lande behalten und selbst verzehren müssen,
wer kann da sagen, ob nicht in England und anderen europäischen Ländern
die Rente nach einer längeren oder kürzeren Periode des Stillstands oder
gar Rückschrittes ihren Aufstieg von Neuem aufnehmen wird?
Allerdings kann man in gewissem Maße auch bei fehlender Einfuhr
fremder Erzeugnisse auf den Fortschritt der landwirtschaftlichen Wissen
schaft rechnen. Wifhaben gesehen, daß Ricardo diese Hilfsmöglichkeiten
des menschlichen Fleißes durchaus zugibt. Weiter unten werden wir sehen,
daß andere Nationalökonomen, Carey und ein Schüler Bastiat’s, Fön
ten ay, der Theorie Ricardo’s die gerade entgegengesetzte These gegen
überstellten, nämlich daß die. menschliche Industrie in der Nutzbar
machung der Naturkräfte stets bei den schwächsten anfing, — weil die
schwächsten am leichtesten zu bändigen sind, und weil der Mensch selbst
am Anfang ein schwaches Wesen war —, um nach und nach sich zur
Beherrschung der mächtigsten, aber auch widerspenstigsten Kräfte auf
zuschwingen; daß der Boden keine Ausnahme von diesem Gesetze mache,
und daß daher die Landwirtschaft nicht immer weniger, sondern im
Gegenteil immer mehr hervorbringe.
Diese These jedoch, die dem Gesetz vom sinkenden Bodenertrag
schroff widerspricht, beruht auf einer recht diskutierbaren Analogie.
Wenn es sich um die Zukunft der Industrie handelt, kann man verstehen,
daß bisher nur wenig benutzte oder sogar unbekannte Energiequellen,
vielleicht sogar die chemischen oder intramolekularen Kräfte, noch un
endliche Hilfsmittel in Reserve halten. Für die landwirtschaftliche In
dustrie ist das aber nicht der Fall. Auch wenn man annimmt, daß der
Boden durch Stickstoff, der aus der Luft, oder durch Phosphate, die aus
der Erde stammen, andauernd bereichert werden kann, so wird man doch
offenbar stets an die zeitlichen und räumlichen Grenzen gebunden bleiben,
die die Entwicklung aller Lebewesen einschränken und die ebenfalls für
7 pence reine Bodenrente übrig lassen würde. Allerdings war.auch der Gesamtbetrag
von 11 sh. am Anfang des Jahrhunderts nicht reine Bodenrente, jedoch waren die für
aufgewendetes Kapital zu machenden Abzüge damals bedeutend geringer (siehe das
„Journal of the Koyal Statistical Society“, Dezember 1907).
Daher kann man zusammenfassend sagen, daß in England (und sogar in Frank
reich und in anderen Ländern, trotz des Schutzzolles) der Boden als Einkommens
quelle und als Wert während des letzten Vierteljahrhunderts fast all das, was er seit
der Zeit Ricardo’s gewonnen hatte, wieder verloren hat. Genügt aber dieser Rückgang
zur Rechtfertigung der Behauptung, die Foville in dem oben erwähnten Aufsatz auf
stellt, daß das was man hochtrabend das Gesetz Ricardo’s genannt habe, eine glatte
Lüge sei? Wir glauben das keinesfalls. Die Tatsachen haben es 75 Jahre hindurch
bestätigt und ihm 25 Jahre hindurch widersprochen; das ist alles. Die, die heute voraus
sehen, daß die Bodenrente auch weiter sinken werde, können leicht in die Lage kommen,
sich selbst als „falsche Propheten“ bezeichnet zu sehen.