Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes Buch. Die Begründer. 
Zustand von Dauer sein wird? Wenn der unvermeidliche Tag kommen 
wird, an dem die neuen Länder so weit bevölkert sein werden, daß sie das 
jetzt ausgeführte Getreide im Lande behalten und selbst verzehren müssen, 
wer kann da sagen, ob nicht in England und anderen europäischen Ländern 
die Rente nach einer längeren oder kürzeren Periode des Stillstands oder 
gar Rückschrittes ihren Aufstieg von Neuem aufnehmen wird? 
Allerdings kann man in gewissem Maße auch bei fehlender Einfuhr 
fremder Erzeugnisse auf den Fortschritt der landwirtschaftlichen Wissen 
schaft rechnen. Wifhaben gesehen, daß Ricardo diese Hilfsmöglichkeiten 
des menschlichen Fleißes durchaus zugibt. Weiter unten werden wir sehen, 
daß andere Nationalökonomen, Carey und ein Schüler Bastiat’s, Fön 
ten ay, der Theorie Ricardo’s die gerade entgegengesetzte These gegen 
überstellten, nämlich daß die. menschliche Industrie in der Nutzbar 
machung der Naturkräfte stets bei den schwächsten anfing, — weil die 
schwächsten am leichtesten zu bändigen sind, und weil der Mensch selbst 
am Anfang ein schwaches Wesen war —, um nach und nach sich zur 
Beherrschung der mächtigsten, aber auch widerspenstigsten Kräfte auf 
zuschwingen; daß der Boden keine Ausnahme von diesem Gesetze mache, 
und daß daher die Landwirtschaft nicht immer weniger, sondern im 
Gegenteil immer mehr hervorbringe. 
Diese These jedoch, die dem Gesetz vom sinkenden Bodenertrag 
schroff widerspricht, beruht auf einer recht diskutierbaren Analogie. 
Wenn es sich um die Zukunft der Industrie handelt, kann man verstehen, 
daß bisher nur wenig benutzte oder sogar unbekannte Energiequellen, 
vielleicht sogar die chemischen oder intramolekularen Kräfte, noch un 
endliche Hilfsmittel in Reserve halten. Für die landwirtschaftliche In 
dustrie ist das aber nicht der Fall. Auch wenn man annimmt, daß der 
Boden durch Stickstoff, der aus der Luft, oder durch Phosphate, die aus 
der Erde stammen, andauernd bereichert werden kann, so wird man doch 
offenbar stets an die zeitlichen und räumlichen Grenzen gebunden bleiben, 
die die Entwicklung aller Lebewesen einschränken und die ebenfalls für 
7 pence reine Bodenrente übrig lassen würde. Allerdings war.auch der Gesamtbetrag 
von 11 sh. am Anfang des Jahrhunderts nicht reine Bodenrente, jedoch waren die für 
aufgewendetes Kapital zu machenden Abzüge damals bedeutend geringer (siehe das 
„Journal of the Koyal Statistical Society“, Dezember 1907). 
Daher kann man zusammenfassend sagen, daß in England (und sogar in Frank 
reich und in anderen Ländern, trotz des Schutzzolles) der Boden als Einkommens 
quelle und als Wert während des letzten Vierteljahrhunderts fast all das, was er seit 
der Zeit Ricardo’s gewonnen hatte, wieder verloren hat. Genügt aber dieser Rückgang 
zur Rechtfertigung der Behauptung, die Foville in dem oben erwähnten Aufsatz auf 
stellt, daß das was man hochtrabend das Gesetz Ricardo’s genannt habe, eine glatte 
Lüge sei? Wir glauben das keinesfalls. Die Tatsachen haben es 75 Jahre hindurch 
bestätigt und ihm 25 Jahre hindurch widersprochen; das ist alles. Die, die heute voraus 
sehen, daß die Bodenrente auch weiter sinken werde, können leicht in die Lage kommen, 
sich selbst als „falsche Propheten“ bezeichnet zu sehen.
	        
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