Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

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wendigkeit  versetzt,  sich  diesen  drückenden  und  ständig  drückender
werdenden  Bedingungen  bei  Strafe  des  Hungertodes  zu  unterwerfen?“
Was  anders  als  die  Trennung  zwischen  Eigentum  und  Arbeit? 1 )  Wenn
der  Arbeiter  wie  früher  ein  unabhängiger  Handwerker  wäre,  könnte  er
sein  Einkommen  ungefähr  voraussehen  und  infolgedessen  die  Zahl  seiner
Kinder  beschränken,  denn  die  Bevölkerung  regelt  sich  stets  nach  dem
Einkommen 2 ).  Heutigen  Tages,  wo  er  ohne  jeden  Besitz  ist,  kommt
sein  ganzes  Einkommen  von  dem  Kapitalisten,  der  ihn  angestellt  hat.
In  völliger  Unkenntnis  über  die  zukünftige  Nachfrage  nach  Produkten
und  der  Menge  von  Arbeit,  die  notwendig  sein  wird,  hat  er  keinen  Grund
mehr,  seine  Voraussicht  zu  gebrauchen,  und  gebraucht  sie  auch  nicht
mehr.  Die  Bevölkerung  wächst  oder  vermindert  sich  nach  dem  Gutdünken ­
  des  Kapitalisten.  „Jedesmal,  wenn  Arbeit  verlangt  wird  und
man  dafür  einen  genügenden  Lohn  anbietet,  wird  der  Arbeiter,  der  ihn
gewinnen  will,  geboren  ...  Wenn  die  Nachfrage  aufhört,  geht  der  Arbeiter
zugrunde“ 3 ).
Diese  Theorie  über  Bevölkerung  und  Lohn  ist  in  Wirklichkeit  nichts
anderes  als  die,  die  A.  Smith  aufgestellt  hatte,  für  den  die  Menschen,
wie  jede  andere  Ware,  nach  den  Bedürfnissen  der  Produktion  sich  vermehren ­
  oder  sich  Vermindern.  Weit  davon  entfernt,  hierin  einen  Beweis
der  harmonischen  Anpassung  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  zu  sehen,
erblickt  Sismondi  hierin  vielmehr  die  traurigen  Folgen  der  Trennung
zwischen  dem  Vermögen  und  der  Arbeit 4 ).  Sismondi  und  Smith  verdächtig ­

  ist,  und  daß  der  Andere  unterliegt,  ...  Es  liegt  ohne  Zweifel  im  Interesse  des
Tagelöhners,  daß  der  Lohn  einer  zehnstündigen  Tagesarbeit  genüge,  um  seinen  Lebensunterhalt ­
  zu  bestreiten  und  seine  Künder  zu  erziehen  .  .  .  Das  liegt  auch  im  Interesse
'kr  Gesellschaft,  aber  das  Interesse  eines  beschäftigungslosen  Tagesarbeiters  bedingt,
daß  er  um  jeden  Preis  E.ot  schaffe;  er  wird  14  Stunden  am  Tage  arbeiten  und  seine
Kinder  mit  10  Jahren  in  die  Fabrik  schicken.  Er  setzt  mit  seiner  Gesundheit  und
seinem  Leben  die  Existenz  seiner  ganzen  Klasse  aufs  Spiel,  um  einem  bestehenden,
drückenden  Bedürfnis  zu  entgehen  (Nouv.  Princ.,  I,  S.  200—201).
b  N.  P„  I,  S.  201.

b  „Die  Bevölkerung  regelt  sich  daher  einzig  nach  dem  Einkommen,  und  wenn
s >e  dieses  Verhältnis  überschreitet,  so  haben  sich  die  Väter  über  die  Höhe  ihres  Lmkommens
  getäuscht  oder  vielmehr,  die  Gesellschaft  hat  sie  darüber  getäuscht  (JN.  P.,
II.  S.  254).  .  .  .“  Je  weniger  Besitz  der  Arme  hat,  um  so  leichter  irrt  er  sich  über  sein
Einkommen,  und  um  so  leichter  trägt  er  zum  Wachstum  einer  Bevölkerung  bei,  die
licht  mit  der  Nachfrage  nach  Arbeit  übereinstimmt  und  daher  ohne  Unterhaltsmittel
bleiben  muß  (ebenda,  S.  264).
b  N.  P„  II,  286.  J .  T> .  ,  „  ,
b  Sismondi  glaubt  nicht,  worauf  wir  hinweisen  wollen,  an  die  Richtigkeit  der
Bevölkerungstheorie  von  Malthus.  Er  gibt  nicht  zu,  daß  die  Bevölkerung  von  der
Menge  der  Lebensmittel  abhänge,  sondern  sie  unterliegt  dem  Willen  der  Grundbesitzer,
durch  ihre  Nachfrage  anspornen  oder  zügeln,  und  die  ein  Interesse  an  lhier
Begrenzung  haben,  um  den  höchsten  Reinertrag  zu  erzielen.  „Niemals  hat  die  Bevölkerung
  die  mögliche  Grenze  der  Lebensmittel  erreicht  und  aller  Wahrscheinlichkeit
            
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