Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

gepredigte  Nichteinmischung  der  Regierung  ohne  Berechtigung.  Die
Gesellschaft  muß  im  Gegenteil  eingreifen,  den  individuellen  Initiativen
eine  Grenze  ziehen  und  ihre  Mißbräuche  korrigieren.  Sismondi  ist  so
der  erste  der  Interventionisten.
Nach  seiner  Ansicht  sollte  die  Tätigkeit  des  Staates  zunächst  auf
eine  Eindämmung  des  Überflusses  an  Produkten  hinzielen  und  die  zu
schnelle  Vermehrung  neuer  Erfindungen  hemmen.  Sismondi  träumt
von  einem  Fortschritt,  der  sich  in  langsamen  Etappen  vollzieht,  ohne
jemanden  zu  schädigen,  ohne  irgendein  Einkommen  zu  verringern,  und
ohne  sogar  den  Zinsfuß  zu  senken 1 )-  Seine  Empfindsamkeit  macht  ihn
furchtsam.  Seine  Gegner  lächeln  über  seine  Philanthropie.  Sogar  die
Saint-Simonisten,  die  doch  gewissen  Ansichten  Sismondi’s  sympathisch
gegenüberstanden,  werfen  ihm  vor,  „daß  ihn  seine  Philanthropie  in  die
Irre  führe“ 2 ).  Dieser  Charakterzug  drückte  sich  sogar  in  seinen  Lebensgewohnheiten
  aus:  „Er  hatte“,  so  erzählt  Sainte-Beuve 3 )  „einen  Schlosser,
der  so  schlecht  und  so  ungeschickt  arbeitete,  daß  niemand  ihn  mehr  beschäftigen ­
  wollte;  er  aber  behielt  ihn  bis  zum  Ende,  trotz  allen  Schadens,
um  ihn  nicht  auch  seinen  letzten  Kunden  verlieren  zu  lassen.“  Er  hätte
gewünscht,  daß  die  Gesellschaft  das  gleiche  mit  Hinsicht  auf  die  bedrohten, ­
  alten  Industrien  tue.  Er  vergleicht  die  Gesellschaft  mit  Gandalin,
dem  Zauberlehrling  des  Märchens,  der,  nachdem  er  durch  das  magische
Wort  den  automatischen  Wasserträger  herbeigerufen  hatte,  sieht,  wie
ein  Eimer  Wasser  nach  dem  anderen  das  Haus  überschwemmt,  ohne
doch  das  Wort  finden  zu  können,  mit  dem  er  ihm  Einhalt  gebieten  kann.
Anstatt  die  Produktion  zu  begünstigen,  sollte  die  Regierung  dem  „blinden
Eifer“  Einhalt  tun 4 ).  Er  fleht  die  Gelehrten  an,  mit  ihren  Erfindungen
langsamer  vorzugehen  und  sich  an  das  Wort  der  Ekonomisten  „laisseh
faire,  laisser  passer“  —  gehen  lassen,  vorübergehen  —  hinübergehen
lassen  —  zu  erinnern,  und  so"  auch  „den  überflüssig  gewordenen  Generationen ­
  Zeit  zu  lassen,  —  „vorüber  hinüberzugehen!“  Für  die
alte  Ordnung  der  Zünfte  und  der  Gilden  hat  er  eine  geheime  Sympathie;
wenn  er  sie  auch,  als  mit  den  Interessen  der  Produktion  im  Gegensatz

1)  Sismondi  wendet  auf  das  Sinken  des  Zinsfußes  die  gleichen  Grundsätze  an,
wie  auf  das  Wachstum  der  Produktion  und  auf  die  Maschinen:  „Die  Vermehrung  der
Kapitalien  ist  nur  insoweit  wünschenswert,  als  auch  die  Verwendung,  die  man  von
ihnen  machen  kann,  zur  gleichen  Zeit  größer  wird.  Jedesmal  nun,  daß  der  Zinsfuß
fällt,  ist  das  ein  sicheres  Zeichen,  daß  die  Verwendung  proportional  zur  Menge  der
Kapitalien  geringer  wird,  und  dieses  Sinken  des  Zinses,  worin  stets  ein  Vorteil  für  irgend
jemanden  liegt,  ist  auch  stets  mit  Nachteil  für  einen  anderen  verbunden,  sei  es  unter
den  Landsleuten,  deren  Einkünfte  sinken,  sei  es  unter  den  Ausländern,  deren  Arbei
es  unterbricht“  (N.  P.,  I,  S.  393).  „
2 )  Vgl.  die  Revue  der  Saint-Simonisten:  Le  Producteur,  IV,  S.  567—5o°-3
 )  Sainte-Beuve,  Nouveaux  Lundis,  VI,  S.  81.
*)  fitudes  sur  1’ljSconomie  Politique,  I,  S.  60—61.
            
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