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Zweites Buch. Die Gegner.
die vollständige Aufsaugung, das Verschwinden der Regierung in der
wirtschaftlichen Organisation hin. Heute finden wir es bei den ver
schiedensten Denkern wieder, z. B. bei A. Menger, in der Beschreibung
seines „volkstümlichen Arbeitsstaates“ 1 ), wie auch bei Sorel, der in
einer charakteristischen Stelle behauptet: „daß der Sozialismus dahin
strebt, die Ordnung der Werkstatt auf die Gesellschaft zu übertragen“ 2 ).
Daher unterscheidet sich der Industrialismus Saint-Simon’s klar
von dem wirtschaftlichen Liberalismus durch die ganze neue Rolle, die
er der Regierung zuteilt 3 ).
Obgleich Saint-Simon dem Sozialismus eine seiner Grundideen
geliefert hat, kann man doch nicht sagen, daß er Sozialist gewesen sei,
wenn nämlich, wie wir glauben, das Wesen des Sozialismus darin be
steht, das Privateigentum abzuschaffen. Allerdings hat Saint-Simon
in einem berühmten Satz davon gesprochen, das Grundeigentum umzu
formen 4 ). Aber dieser Satz steht allein. Wir haben oben gesehen, daß
1 ) A. Menger, Neue Staatslehre (Jena, 1903).
2 ) Der vollständige Text lautet: „Der Sozialismus strebt danach, die Ordnung
der Werkstätte auf die der Gesellschaft zu übertragen ... In den erprobten Ge
bräuchen der Werkstatt liegt sicherlich die Quelle, aus der das zukünftige Recht ent
stehen wird; der Sozialismus wird nicht nur die Ausrüstung der Werkstatt, die der
Kapitalismus geschaffen hat, und die Wissenschaft, die sich auf die technische Ent
wicklung aufbaut, erben, sondern auch die Kooperationsformen, die sich nach und
nach in den Fabriken ausgebildet haben, um den größtmöglichen Vorteil aus der Zeit,
den Kräften und der Geschicklichkeit der Menschen zu ziehen.“ . . . Etwas vorher:
„Alle Dinge müssen nach dem Vorbilde einer Werkstatt behandelt werden, die voller
Ordnung, ohne verlorene Zeit und ohne Launenhaftigkeit arbeitet“ (G. Sorel: Le
Syndicalisme revolutionnaire; Mouvement Socialiste, 1. u. 16. Nov. 1906).
3 ) Saint-Simon zitiert oft mit großem Lobe Say und Smith. Doch macht er
dem ersteren den Vorwurf, die Politik von der Volkswirtschaft getrennt zu haben,
anstatt sie darin aufgelren zu lassen und nur „ganz unbestimmt und wie trotz seiner
selbst „gefühlt zu haben“, daß die Volkswirtschaft die einzige und wirkliche Grundlage
der Politik ist“ (Lettres ä un Americain, (Euvres, II, S. 186).
*) Dafür, daß Saint-Simon unter die Sozialisten zu rechnen ist, werden im all
gemeinen zwei Gründe angeführt: 1. Das Interesse, das er in gewissen Stellen seiner
Schriften für die niederen Klassen zeigt; 2. die von ihm über eine Reform des Eigen
tums geäußerte Meinung. Doch hat keine der hierfür angezogenen Textstellen die
Tragweite, die man ihnen gewöhnlich zuspricht. Mit Hinsicht auf den ersten Punkt
wird häufig eine berühmt gewordene Stelle aus dem Nouveau Christianisme an
geführt: die Menschen, heißt es da, „sollen die Gesellschaft in der Weise organisieren,
die für die größte Anzahl unter ihnen die vorteilhafteste ist; sie müssen sich als Ziel
aller ihrer Arbeiten und Anstrengungen die möglichst schnelle und durchgreifende
Verbesserung der moralischen und physischen Lage der zahlreichsten Klasse setzen“
((Euvres, VII, S. 108—109). Schon früher hatte Saint-Simon in dem Systeme
industriel gesagt: „Der unmittelbare Zweck meines Unternehmens ist, soviel wie
möglich das Schicksal der Klasse zu verbessern, die keine anderen Unterhaltsmittel
hat, als die Arbeit ihrer Hände“ ((Euvres, VI, S. 81). Zunächst braucht man aber
in diesen Erklärungen weiter nichts als eine Formel des utilitaristischen Grundsatzes
Bentham’s zu sehen: größtes Glück für die größte Zahl. Und wie beabsichtigt Saint-