Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 227
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läge aller ihrer Mitglieder zu leistende Arbeit so klar wie möglich fest
zusetzen und ihre Ausführung so harmonisch wie möglich zu gestalten 1 ).
Hierin wird also die Aufgabe der neuen Regierung bestehen, in der
die „Fähigkeit“ die „Macht“, und die „Leitung“ das „Befehlen“ ersetzen
werden 2 ). Sie wird sich nur beschäftigen: „mit der einzigen Art von
Interessen, in der sich alle Menschen verstehen können, und in der Ab
machungen am Platze sind, der einzigen, in der gemeinsames Handeln
notwendig ist, der einzigen daher, mit der sich die Politik befassen kann:
den Interessen des Lebens und des Wohlstandes 3 ).“
Zur besseren Erklärung seines Gedankens schlägt Saint-Simon
vor, die Exekutivgewalt einer Abgeordnetenkammer anzuvertrauen,
die einzig aus den Vertretern des Handels, der Industrie und der
Landwirtschaft gebildet wird, und deren Aufgabe es sein würde, die
Gesetzesentwürfe anzunehmen oder zurückzuweisen, die ihr von zwei
anderen Kammern, die sich aus Ingenieuren, Künstlern und Gelehrten
zusammensetzen, unterbreitet werden, Gesetzesentwürfe, die sich aus
schließlich mit der Förderung des materiellen Wohlstandes des Landes
beschäftigen 4 ).
An Stelle der politischen Regierung tritt die wirtschaftliche Leitung,
die Autorität über Menschen macht der Verwaltung der Dinge Platz;
die soziale Ordnung wird nach dem Vorbild der Ordnung einer Werkstatt
eingerichtet, und die in Produktivassoziationen umgebildeten Nationen
haben als einziges Objekt „durch friedliche Arbeit von positiver Nütz
lichkeit vorwärts zu kommen“ 5 ): das ist die neue Auffassung Saint-
Simon’s, die ihn über die Liberalen, deren Grundsätzen er bisher gefolgt
zu sein scheint, hinausführt, — und die ihn dem Sozialismus nähert.
Her Kollektivismus Marx’ sammelt sorgfältig diese verschiedenen Ge
danken, in denen Friedrich Engels die Hauptbedeutung Saint-Simon’s
sieht 6 ). Proudhon nimmt sie seinerseits auf und stellt als ideales Ziel
b (Euvres choisies, II, S. 437—438 (Fts. d. Broschüre: Des Bourbons usw.).
2 ) L’Organisateur, (Euvres compl. IV, S. 86 u. 160—161.
3 ) Lettres ä un Amöricain, (Euvres, II, S. 188.
4 ) Das ist nicht der einzige Plan einer Regierung, den Saint-Simon vorgeschlagen
hat. Er ist aber der charakteristischste. Er findet sich im „Organisateur“ sogleich
hach der „Parabole“. Bemerkenswert ist, daß Saint-Simon durchaus gegen eine
Regierung von Gelehrten ist. Die Industriellen sollen die Macht haben. Die Gelehrten
hurten nur beratende Stimme erhalten: „Sollte sich zu unserem.Unglück eine Ordnung
her Dinge bilden, in der die Verwaltung der zeitlichen Dinge in die Hände von Gelehrten
|rtegt sein würde, so würde man sehr bald eine Korruption in der wissenschaftlichen
Welt eintreten und alle Laster der Geistlichkeit wiederkehren sehen. Die Gelehrten
Würden Metaphysiker, Schlauköpfe und Despoten werden“ (Syst, indust., CEuvres
COm Pl., V, S 161).
5 ) Syst. Indust., (Euvres compl. VI, S. 96.
6 ) P. Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft,
' A - US S- 1 S. 277. Dieses Kapitel des ENGELs’schen Buches stammt vollständig von Marx.