Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  231

Unglücklicherweise  gewann  unter  dem  Einflüsse  Enfantin’s  die
philosophische  und  mystische  Seite  des  Saint-Simonismus  die  Oberhand
über  die  soziale  Seite.  Das  sollte  den  Ruin  der  Schule  herbeiführen.
Nach  den  Saint-Simonisten  genügt  es  nicht,  der  modernen  Menschheit ­
  ihre  soziale  Bestimmung  zu  zeigen;  man  muß,  so  sagen  sie,  die
Menschheit  dazu  bringen,  ihre  Bestimmung  zu  lieben,  sie  herbeizusehnen ­
  und  zwar  mit  der  ganzen  Kraft  des  Gefühls,  und  zwischen  den
Menschen  jene  Einheitlichkeit  der  Gedanken  und  der  Handlungen  schaffen,
die  allein  durch  eine  gemeinsame,  religiöse  Überzeugung  bewirkt  wird.
Der  Saint-Simonismus  wurde  zu  einer  Religion  mit  einem  Kultus,  einer
Moral,  mit  organisierten  Predigten,  mit  Gemeinden,  die  sich  an  verschiedenen ­
  Punkten  des  Landes  gründeten,  und  mit  Aposteln,  die  in  die
Perne  gingen,  um  die  frohe  Botschaft  überall  zu  verkünden.  Es  ist  eine
fremdartige  Tatsache,  die  wohl  der  Untersuchung  wert  ist,  wie  diese
Menschen,  deren  verfeinerte,  wissenschaftliche  Kultur  sehr  hoch  stand,
die  allen  bestehenden  Religionen  feindlich  gesinnt  waren,  zu  dieser  Krisis
«ines  religiösen  Mystizismus  gelangten,  sie,  von  denen  die  meisten  mehr
dazu  vorbereitet  waren,  sich  geschäftlich  zu  betätigen,  als  eine  neue
nKirche“  zu  gründen!
Enfantin  und  Bazard  waren  die  Päpste  des  neuen  Kultus,  aber
Bazard  trat  bald  zurück,  und  Enfantin  blieb  der  alleinige  „Heilige
Vater“.  Er  zog  sich  mit  40  Schülern  in  ein  in  Menilmontant  gelegenes
Haus  zurück  und  führte  dort  mit  ihnen  vom  April  bis  zum  Dezember
1831  eine  Art  Klosterleben,  während  draußen  die  Propaganda  lebhafter
als  je  durch  die  Zeitung  Le  Globe,  die  seit  Juli  1831  das  Eigentum  der
Schule  war,  getrieben  wurde.  Dieses  merkwürdige  Leben  wurde  durch
eine  gerichtliche  Untersuchung  unterbrochen,  der  eine  Verurteilung
z u  einem  Jahr  Gefängnis  folgte,  die  das  Schwurgericht  gegen  Enfantin,
Uuverger  und  Michel  Chevalier  unter  dem  Vorwände  einer  ungesetzlichen ­
  Vereinigung  verhängte.  Das  war  der  Anstoß  zur  Auflösung.
Dieser  letzte  Abschnitt,  der  aufsehenerregendste  in  dem  ganzen
Leben  der  Schule,  machte  auf  die  Zeitgenossen  den  meisten  Eindruck.
Hie  Religion  des  Saint-Simonismus  verdunkelte  und  kompromittierte
für  einige  Zeit  den  Saint-Simonismus  als  rein  soziale  Lehre,  wie  späterhin ­
  die  positivistische  Religion  in  der  Meinung  der  Öffentlichkeit  die  positive
Philosophie  verdrängen  sollte.  Das,  was  uns  hier  interessiert,  ist  einzig
*nn§e,  1829.  Wir  zitieren  nach  der  2.  Ausg.  (Paris,  1830).  Diesen  Werken  könnte
Wan  die  Aufsätze  anfügen,  die  Enfantin  im  Globe  veröffentlicht  und  unter  der  Überschrift ­
  Üconomie  politique  et  Politique  (Volkswirtschaft  und  Politik)  in  einem
Pand  (2.  Ausg.  1832)  vereinigt  hat.  Doch  sind  diese  Aufsatze  viel  weniger  interessant
als  die  Doctrine  und  geben  einfach  die  Gedanken  wieder,  die  Enfantin  schon  in  seinen
'ifSätzen  im  Producteur  dargelegt  hatte.
            
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