Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

232

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

und  allein  die  soziale  Lehre  des  Saint-Simonismus,  so  wie  sie  im  ersten
Bande  der  Exposition  enthalten  ist.
Diese  Lehre  ist  neu  genug,  um  als  eine  originelle  Weiterentwicklung
und  nicht  nur  als  eine  Zusammenfassung  der  Ideen  Saint-  Simon’s  angesprochen ­
  werden  zu  können.  Wahrscheinlich  stammt  sie  gleichzeitig
von  Bazard  und  Enfantin.  Der  letztere  hat  fast  mit  Sicherheit  die
wirtschaftlichen  Gedanken  geliefert 1 ),  an  denen  übrigens  das  Werk
Sismondi’s  einen  großen  Anteil  gehabt  haben  muß.  Dieses  Buch  ist
ebenso  bemerkenswert  durch  seine  energische  und  logische  Ausdrucksweise,
wie  durch  die  darin  entwickelten  Ideen  selbst;  die  Vergessenheit,  in  die
es  gefallen  ist,  läßt  sich  kaum  erklären,  wenn  man  es  mit  so  vielen  anderen
mittelmäßigen  Erzeugnissen  vergleicht,  die  bis  auf  unsere  Tage  gekommen
sind.  Heute  jedoch  scheint  es  neues  Interesse  zu  erregen,  und  man  versucht
ihm  den  hervorragenden  Platz  wiederzuverschaffen,  auf  den  es  in  der
sozialen  Literatur  des  neunzehnten  Jahrhunderts  ein  unbestreitbares
Anrecht  hat.
Die  Doctrine  de  Saint-Simon  gipfelt  ganz  und  gar  in  einer  Kritik
des  Privateigentums.
Zum  Zweck  dieser  Kritik  kann  sich  der  Volkswirtschaftler  auf  zwei
verschiedene  Gesichtspunkte  stellen:  erstens  auf  den  der  Verteilung
und  dann  auf  den  der  Erzeugung  der  Güter,  —  auf  den  Gesichtspunkt
der  Gerechtigkeit  oder  auf  den  der  Nützlichkeit.  Die  „Doctrine“  greift
unser  soziales  System  von  beiden  Seiten  zugleich  an  und  faßt  schon  die
meisten  der  Argumente,  die  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  dagegen
gerichtet  werden,  in  ein  Bündel  zusammen.  In  dieser  doppelten  Aufgabe
lehnt  sie  sich  übrigens  gerade  an  die  Ideen  Saint-Simon’s  an.
a)  Saint-Simon  hatte  in  der  neuen  Gesellschaft  die  Müßiggänger
den  Arbeitern  gegenübergestellt.  Der  „Industrialismus“  hat  keinen

x )  Obgleich  die  mündliche  Darlegung  der  Lehre  durch  Bazard  geschah  und  für
den  Druck  von  Jüngern  desselben  (unter  anderen  von  Hippolyte  Carnot)  bearbeitet
wurde,  kann  man  die  meisten  der  darin  enthaltenen  Gedanken  Enfantin  zusprechen.
Er  hatte  die  Mehrzahl  der  volkswirtschaftlichen  Aufsätze  schon  im  Producteur
ausgeführt.  Doch  unterscheidet  sich  die  im  Producteur  vertretene  Lehre  merklich
von  der  der  Exposition.  Zinsen  und  Pacht  werden  hier  lebhaft  bekämpft  als  ein
von  den  Arbeitern  an  die  Müßiggänger  gezahlter  Tribut.  Das  Erbrecht  wird  aber
nicht  verworfen,  obgleich  es  nur  mit  geringer  Sympathie  beurteilt  wird  (Producteur,
I,  S.  566,  567).  Enfantin  erwartet  die  Befreiung  der  Arbeitenden  von  dem  Sinken
des  Zinsfußes  und  rechnet  auf  ein  gutes  Kreditsystem,  um  die  Frage  zu  lösen,  die  er
für  das  größte  moderne  Problem  hält:  die  Interessen  der  Arbeitenden  und  der  Müßiggänger ­
  zu  vereinigen,  „Interessen,  die  niemals  mit  dem  Allgemeininteresse  verschmelzen
werden,  solange  der  Besitz  der  Früchte  einer  vergangenen  Arbeit  ein  Anrecht  auf  den
Genuß  von  Produkten  gegenwärtiger  oder  sogar  zukünftiger  Arbeit  gibt“  (Producteur,
II,  S.  124).  Hierin  liegt  schon  eine  Ankündigung  der  Ideen,  die  in  der  Exposition
entwickelt  werden.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.