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Zweites Buch. Die Gegner.
und allein die soziale Lehre des Saint-Simonismus, so wie sie im ersten
Bande der Exposition enthalten ist.
Diese Lehre ist neu genug, um als eine originelle Weiterentwicklung
und nicht nur als eine Zusammenfassung der Ideen Saint- Simon’s an
gesprochen werden zu können. Wahrscheinlich stammt sie gleichzeitig
von Bazard und Enfantin. Der letztere hat fast mit Sicherheit die
wirtschaftlichen Gedanken geliefert 1 ), an denen übrigens das Werk
Sismondi’s einen großen Anteil gehabt haben muß. Dieses Buch ist
ebenso bemerkenswert durch seine energische und logische Ausdrucksweise,
wie durch die darin entwickelten Ideen selbst; die Vergessenheit, in die
es gefallen ist, läßt sich kaum erklären, wenn man es mit so vielen anderen
mittelmäßigen Erzeugnissen vergleicht, die bis auf unsere Tage gekommen
sind. Heute jedoch scheint es neues Interesse zu erregen, und man versucht
ihm den hervorragenden Platz wiederzuverschaffen, auf den es in der
sozialen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts ein unbestreitbares
Anrecht hat.
Die Doctrine de Saint-Simon gipfelt ganz und gar in einer Kritik
des Privateigentums.
Zum Zweck dieser Kritik kann sich der Volkswirtschaftler auf zwei
verschiedene Gesichtspunkte stellen: erstens auf den der Verteilung
und dann auf den der Erzeugung der Güter, — auf den Gesichtspunkt
der Gerechtigkeit oder auf den der Nützlichkeit. Die „Doctrine“ greift
unser soziales System von beiden Seiten zugleich an und faßt schon die
meisten der Argumente, die im Laufe des 19. Jahrhunderts dagegen
gerichtet werden, in ein Bündel zusammen. In dieser doppelten Aufgabe
lehnt sie sich übrigens gerade an die Ideen Saint-Simon’s an.
a) Saint-Simon hatte in der neuen Gesellschaft die Müßiggänger
den Arbeitern gegenübergestellt. Der „Industrialismus“ hat keinen
x ) Obgleich die mündliche Darlegung der Lehre durch Bazard geschah und für
den Druck von Jüngern desselben (unter anderen von Hippolyte Carnot) bearbeitet
wurde, kann man die meisten der darin enthaltenen Gedanken Enfantin zusprechen.
Er hatte die Mehrzahl der volkswirtschaftlichen Aufsätze schon im Producteur
ausgeführt. Doch unterscheidet sich die im Producteur vertretene Lehre merklich
von der der Exposition. Zinsen und Pacht werden hier lebhaft bekämpft als ein
von den Arbeitern an die Müßiggänger gezahlter Tribut. Das Erbrecht wird aber
nicht verworfen, obgleich es nur mit geringer Sympathie beurteilt wird (Producteur,
I, S. 566, 567). Enfantin erwartet die Befreiung der Arbeitenden von dem Sinken
des Zinsfußes und rechnet auf ein gutes Kreditsystem, um die Frage zu lösen, die er
für das größte moderne Problem hält: die Interessen der Arbeitenden und der Müßig
gänger zu vereinigen, „Interessen, die niemals mit dem Allgemeininteresse verschmelzen
werden, solange der Besitz der Früchte einer vergangenen Arbeit ein Anrecht auf den
Genuß von Produkten gegenwärtiger oder sogar zukünftiger Arbeit gibt“ (Producteur,
II, S. 124). Hierin liegt schon eine Ankündigung der Ideen, die in der Exposition
entwickelt werden.