Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Nicht  zum  erstenmal  stoßen  wir  in  unserer  Geschichte  auf  dieses
Wort.  Wie  man  sich  entsinnen  wird,  hat  es  schon  Sismondi  angewandt 1 ).
Später  sehen  wir  es  unter  der  Feder  Karl  Marx’  und  anderer  Schriftsteller ­
  wieder  auftauchen.  Aber  weder  Sismondi,  noch  die  Saint-Simonisten,
  noch  Karl  Marx  gebrauchen  es  in  demselben  Sinne.  Es  scheint
uns  daher  nützlich,  schon  jetzt  die  verschiedenen  Bedeutungen,  die  diesem
Ausdruck  beigelegt  werden,  auseinander  zu  halten,  da  er  eine  so  bedeutende
Rolle  in  der  sozialistischen  Literatur  spielt  und  so  zu  viel  Verwirrung
Anlaß  gegeben  hat.
Wie  wir  wissen,  betrachtet  Sismondi  das  Einkommen  aus  dem  Eigentum ­
  als  gerechtfertigt.  Er  gibt  jedoch  zu,  daß  ein  Arbeiter  ausgebeutet
werden  kann.
Wann  geschieht  dies  nun?
Sobald  sein  Lohn  kaum  genügt,  um  ihn  am  Leben  zu  erhalten,  im
Gegensatz  zu  dem  Überfluß,  in  dem  sein  Arbeitgeber  lebt,  —  sobald
sein  Lohn  nicht  die  Höhe  erreicht,  die  Sismondi  als  gerechten  Lohn  des
Arbeiters  ansieht.  Die  Ausbeutung  ist  daher  ein  Mißbrauch,  nicht
ein  organischer  Fehler,  der  in  der  Natur  unseres  wirtschaftlichen
Systems  begründet  wäre.  Er  tritt  „manchmal“  ein;  aber  er  ist  nicht
notwendig.  Man  kann  ihn  verbessern,  ohne  deshalb  das  ganze  System
zu  zerstören.  In  diesem  allgemeinen  und  etwas  unbestimmten  Sinne,
—  der  anscheinend  auf  der  Schwierigkeit  beruht,  den  „gerechten  Preis“
genau  zu  bestimmen,  —  tritt  die  Ausbeutung  unter  den  verschiedensten
Umständen  in  unserer  wirtschaftlichen  Welt  auf.  Auch  ist  sie  nicht  nur
auf  die  Beziehungen  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  beschränkt.
Sie  tritt  jedesmal  ein,  sobald  eine  Person  irgendeine  „Ausnahmslage“
(Unwissenheit,  Furchtsamkeit,  Schwäche,  Vereinsamung  eines  anderen)
dazu  mißbraucht,  um  Dienste  oder  Waren  zu  einem  zu  niedrigen  oder
zu  hohen  Preise  zu  kaufen  oder  zu  verkaufen.
Für  die  Saint-Simonisten  dagegen  ist  die  Ausbeutung  ein  organischer ­
  Fehler  unserer  sozialen  Ordnung.  §ie  ist  unlöslich  mit  dem  Privateigentum ­
  verbunden,  deren  notwendige  Folge  sie  ist.  Sie  ist  nicht  ein
einfacher  Mißbrauch,  sondern  das  besondere  Kennzeichen  des  ganzen
Systems,  da  ja  die  grundlegende  Eigenschaft  des  Eigentums  gerade  auf
dem  Recht  beruht,  ein  Erzeugnis  ohne  Arbeit  zu  erlangen.  Daher  ist
die  Ausbeutung  auch  nicht  nur  auf  die  mit  ihren  Händen  Arbeitenden
beschränkt.  Sie  umfaßt  alle,  die  dem  Eigentümer  Tribut  zahlen  müssen.
Auch  der  Industrieunternehmer  leidet  darunter  durch  die  Zinsen,  die  er
seinem  Geldgeber  zahlen  muß 2 ).
D  Siehe  oben,  S.  200f.  Sismondi  hatte  mehr  von  Beraubung  (spoliation)
gesprochen.
-)  „Heute  wird  die  ganze  Menge  der  Arbeitenden  von  den  Menschen  ausgebeutet,
deren  Eigentum  sie  benutzen;  auch  die  Führer  der  Industrie  unterliegen  dieser  Aus-
            
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