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Zweites Buch. Die Gegner.
Gegenden, denen sie die notwendigen Hilfsmittel zuführt. Sie wählt
die fähigsten Leute aus, um sie anzustellen und gemäß ihrer Arbeit zu
entlohnen. So würde eine „soziale Einrichtung“ mit den Funktionen
betraut sein, die heute von den Individuen so schlecht erfüllt werden 1 ).
Man darf aber nicht zu sehr auf dieses Projekt eingehen und Einzel
heiten verlangen, deren Darlegungen die Saint-Simonisten in die größte
Verlegenheit bringen würden.
Wer würde z. B. mit der dornigen Aufgabe betraut werden, die Fähig
keiten zu beurteilen und die Arbeiten zu entlohnen? Die „Universal
menschen“ (hommes generaux), antworten sie uns, besonders hoch be
gabte Menschen, die „von den Fesseln der Spezialisierung befreit“, ganz
instinktiv den natürlichen Drang in sich fühlen werden, nur das allgemeine
Interesse zu berücksichtigen.
An der Spitze steht, so schreiben sie an einer anderen Stelle,
derjenige, der „das soziale Schicksal am meisten liebt“ 2 ). Das ist
nun nicht gerade sehr vertrauenerweckend, denn manchmal haben selbst
große Männer in recht bedauerlicher Weise ihre Privatinteressen mit dem
öffentlichen Wohl verwechselt.
Nehmen wir aber einmal die Überlegenheit der „Universalmenschen“
an. Aus welchem Grunde wird man ihnen gehorchen? Werden die Unter
gebenen mit Gewalt dazu gezwungen, oder gehorchen sie freiwillig? Die
Doktrine glaubt an die letztere Hypothese, denn ist die Beligion der
Saint-Simonisten nicht da, um die Untergebenen mit beständiger Hin
gabe ihren Vorgesetzten gegenüber zu erfüllen? um aus Liebe und Über-
1) „Wir werden diese Einrichtung vorläufig durch das Wort Systeme general
de banques (allgemeines Banksystem) bezeichnen, machen aber jeden Vorbehalt
betreff der eng umschriebenen Auslegung, die man heute diesem Worte geben könnte.
— Dieses System würde zunächst eine Zentralbank umfassen, die die Regierung
vorstellt, und zwar in materieller Hinsicht; diese Bank würde die Verwalterin allen
Reichtums, des ganzen Produktionsfonds und aller Arbeitsinstrumente sein, mit einem
Wort alles dessen, was heute die Menge des individuellen Eigentums ausmacht. —
Von dieser Zentralbank würden Banken zweiter Ordnung abhängen, die nur ihre Fort
setzung sind, und durch die sie sich in steter Verbindung mit den Hauptplätzen halten
würde, um die Bedürfnisse und die Produktivkraft derselben zu kennen. Diese Banken
zweiter Ordnung würden wieder in dem Bezirk, der ihnen untersteht, mehr und mehr
spezialisierten Banken vorstehen, die ein engeres Feld umfassen sollen wie immer
schwächere Wurzeln am Baum der Industrie. Bei den oberen Banken würden alle
Bedürfnisse zusammenlaufen; von ihnen würden alle Kräfte ausgehen . . .“
Doctrine, S. 206—207. Der Gedanke eines solchen Systems stammt wahrschein
lich von Enfantin, denn er führt ihn schon in einem Aufsatz des Producteur (III»
S. 385) aus.
2 ) Doctrine, S. 210, Anm. An anderer Stelle; „Wir werden aller politischen
Grundsätze müde, die nicht unmittelbar und einzig bezwecken, das Schicksal der
Völker in die Hände von Männern voller Ergebenheit und Genie zu leeren.“ (Ebenda,
S. 330.)