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Zweites Buch. Die Gegner.
mit dem sofortigen Erfolge und bemerkt diesen Einwurf nicht. Er denkt
an einen anderen Vorwurf, der in seinen Augen bedeutsamer ist, denselben,
den man in der Folgezeit den Staatssozialisten machen wird, und er sucht
ihn durch ein Argument zu beseitigen, das sich oft bei ihnen wiederfinden
sollte. Ist die Einmischung des Staates nicht im Gegensatz zur Freiheit?
fragt er sich. Ja, antwortet Lotus Blanc, wenn man unter Freiheit ein
abstraktes Recht versteht, — das jedem Menschen durch eine Verfassung
zugesprochen ist. Hierin liegt die Freiheit aber gar nicht: „sie liegt viel
mehr in der Macht, die den Menschen gegeben ist, seine Fähigkeiten
auszuüben und zu entwickeln unter der Herrschaft der Gerechtigkeit und
unter dem Schutze des Gesetzes“ 1 ) (S. 19). Rechtliche Freiheit ohne tat
sächliche Freiheit ist weiter nichts „als eine nichtswürdige Vergewaltigung“:
und die Freiheit wird tatsächlich überall dort unterdrückt, wo der Mensch
ohne Bildung, ohne Arbeitsinstrumente unentrinnbar zur Unterwerfung
gegenüber den Reicheren und Gebildeteren verdammt ist. Deshalb wird
die Einmischung des Staates notwendig sein, solange es in der Gesellschaft
„eine untere und unmündige Klasse“ gibt (S. 20). In einer noch kräftigeren
Formel sagt Lacordaire: „Zwischen dem Starken und dem Schwachen
ist die Freiheit das, was unterdrückt, und das Gesetz das, was frei macht.“
Dieses Argument haben wir schon bei Sismondi gelesen 2 ), und werden
es bei allen Gegnern des laisser-faire wiederfinden.
Man sieht, wie schon bei Louis Blanc eine geistige Bewegung ein
setzt, die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts viel stärker werden sollte.
Der Staatssozialismus, der seinerzeit ein einfacher Notbehelf war, wird
dann zu einer wirklichen Lehre, deren praktische Anwendungen äußerst
zahlreich sind.
Die Ereignisse des Jahres 1848 haben Louis Blanc Gelegenheit
gegeben, seine Ideen teilweise zu verwirklichen. Diese Versuche werden
wir in einem folgenden Kapitel eingehender darlegen, wo wir die unglück
lichen Bestrebungen des Sozialismus von 1848 wiederfinden. Aber die
Ideen der Organisation du travail haben einen dauerhafteren Erfolg
in den zahlreichen Produktivgenossenschaften der Arbeiter gehabt, die
J ) „Das Recht, im Abstrakten betrachtet, ist die Fata Morgana, die seit 1789
das Volk täuscht. Das Recht ist der metaphysische und tote Schutz, der für das Volk
den lebendigen Schutz, dem man ihm schuldet, ersetzt. Das großartig und in allen
Einzelheiten in den Verfassungsurkunden niedergelegte Recht hat nur als Maske für
die ganze Ungerechtigkeit der Einführung des Individualismus und für die barbarische
Nichtachtung gedient, mit der man den Armen seinem Schicksal überlassen hat. Weil
man die Freiheit durch das Wort Recht definiert hat, ist man dazu gelangt, die Sklaven
des Hungers, die Leibeigenen der Unwissenheit, die Heloten des Zufalls freie Menschen
zu nennen. Erklären wie ein für alle Male, daß die Freiheit nicht nur in dem zugesproche-
nen Recht besteht, sondern in der dem Menschen gegebenen Macht, seine Fähigkeiten
auszubilden und zu entwickeln“ (S. 19).
2 ) Vgl. weiter oben, S. 202, Anm. 3 und S. 204, Anm. 2.