Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 305
man ihnen gewährt, gerechtfertigt werden. Diese rein praktische Auf
fassung sucht im Schutzzoll nur einen energischen Ansporn und ein Mittel
des Fortschritts. Ein Tarif jedoch, der gleichmäßig alle Unternehmungen
schützt, der zwischen befruchtenden und befruchteten Industrien keinen
Unterschied mehr macht, und der zur gleichen Zeit alle Preise erhöht,
hat als einzige Wirkung, jeden Produzenten auf der einen Seite das ver
lieren zu lassen, was er ihm auf der anderen gibt. Ihre gegenseitige Lage
bleibt dieselbe wie vorher, und der Tarif erscheint nicht mehr als ein
Mittel, ihre produktiven Kräfte anzuspornen, sondern als ein allgemeines
Verteidigungsmittel der fremden Konkurrenz gegenüber. Er ist ausge
prägt konservativ und furchtsam.
In Wirklichkeit sind nun Zolltarife niemals die Anwendung einer
wirtschaftlichen Doktrin. Sie sind das Ergebnis eines Kompromisses
zwischen mächtigen Interessen, die oft nichts mit dem Allgemeininteresse
gemein haben, und dann spielen auch politische, finanzielle und wahl
taktische Rücksichten bei ihrer Aufstellung eine oft überwiegende Rolle.
Vhr müssen daher in einer anderen Richtung, nicht in den bestehenden
Zolltarifen, sondern in den späteren Doktrinen, die Spuren der schutz-
zöllnerischen Gedanken List’s suchen (wenn sie überhaupt irgendwo zu
finden sind).
Das einzige vollständige Schutzzollsystem, das seit List ans Tages-
ncht getreten ist, ist das des Amerikaners H. C. Carey}). In seinen ersten
Büchern war Carey Freihändler, bis er sich 1848 zum Schutzzoll bekehrte.
in seinem großen Werke Principles of Social Science, das 1858
“ lS 1859 veröffentlicht wurde, niedergelegten Ideen zeigen eine höchst
bemerkenswerte Ähnlichkeit mit denen seines deutschen Vorgängers.
Wie List, so greift auch Carey die industrielle Vorherrschaft Eng
lands an und stellt dem Ideal einer internationalen Arbeitsteilung das
deal unabhängiger Nationen gegenüber, von denen jede sich mit allen
Zweigen der wirtschaftlichen Tätigkeit beschäftigt und so ihre eigene
ndividualität herausarbeitet. Seiner Ansicht nach strebt der Freihandel
anach, „für die ganze Welt eine einzige Werkstatt zu errichten, der alle
Rohstoffe der Welt zuzusenden sind, wodurch sie infolge der äußerst
ohen Transportkosten verteuert werden“ 2 ). Die Wirkung dieses Systems
s > zugunsten einer Nation die Fortschritte aller anderen zu verlangsamen
<J er Zu verhindern. Denn eine Gesellschaft schreitet fort und bereichert
Si? sb , edürfnisse gehören, folglich in Beziehung auf ihren Totalwert wie auf die
B a , ° nal< 5 Selbständigkeit von der größten Wichtigkeit sind, wie z. B die Wollen-,
Und® W l6n ' Und Leinenfabriken usw. Werden diese Hauptzweige gehörig beschützt
bei „ gebild et, 80 ranken alle übrigen minder bedeutenden Manufakturzweige auch
e 1 ! ll ^ erem Schutz an ihnen empor.“
) Betreffs Carey, siehe unten, Buch III. fY ,
) Carey, Principles of social Science, Bd. I, S. 419 der franz. Ubers.
' ü e und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lekrmeinungen. 2. Aufl. 20