Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch,  Die  Gegner.

jedoch  nicht  leugnen,  daß  er  durch  gewisse  Ausdrücke  dazu  beigetragen
hat,  der  falschen  Idee  Vorschub  zu  leisten,  als  ob  ein  Land,  das  einen
bedeutenden  Teil  seines  Verbrauches  dem  Auslande  entnimmt,  nun  vom
Auslande  abhängig  sei 1 ).  In  Wirklichkeit  hängt  es  nicht  mehr  vom  Auslande ­
  ab,  als  das  Ausland  von  ihm  abhängig  ist.  Zwischen  Käufer  und
Verkäufer  ist  die  Abhängigkeit  durchaus  gegenseitig.  Nur  in  einem  Fall
kann  der  Ausdruck  gerechtfertigt  werden:  wenn  ein  fremdes  Land
alleiniger  Lieferant  gewisser  Waren  geworden  ist;  in  dieser  Hinsicht  hält
es  dann  den  Käufer  in  seiner  Macht.  List  hatte  eben  das  Manufakturmonopol ­
  Englands  im  Auge,  aber  dieses  Monopol  besteht  heute  nicht  mehr.
List  spricht  auch  davon,  „daß  es  zehnmal  wichtiger  ist,  den  inneren
Markt  ...  zu  sichern“  (S.  270  u.  276).  Diese  Garantie  ist  aber  in  seinen
Gedanken  notwendigerweise  auf  die  Zeit  beschränkt,  während  der  eine
Nation  sich  bemüht,  eine  Industrie  zu  schaffen,  denn  später  wird  im  Gegenteil ­
  die  fremde  Konkurrenz  erwünscht  sein,  „um  die  Fabrikanten  und
Kaufleute  vor  Rückschritten  und  Nachlässigkeit  zu  bewahren“ 2 ).
In  keinem  Augenblick  hat  List  daran  gedacht,  aus  der  wirtschaftlichen ­
  Selbständigkeit  oder  der  Gewährleistung  des  Binnenmarktes  den
Angelpunkt  einer  schutzzöllnerischen  Politik  zu  machen.  Die  Schaffung
einer  einheimischen  Industrie  ist  für  ihn  die  einzig  mögliche  Rechtfertigung
der  Schutzzölle,  und  gerade  diesen  Punkt  können  die  modernen  Schutzzöllner ­
  nicht  betonen,  ohne  einen  Anachronismus  zu  begehen.
So  hat  der  Protektionismus  List’s  weder  in  der  praktischen  Politik
noch  in  der  wissenschaftlichen  Theorie  bleibende  Spuren  hinterlassen.  In
anderer  Richtung,  in  seinen  allgemeinen  Gesichtspunkten,  muß  die  Quelle
seines  Einflusses  und  die  Gründe  seiner  Bedeutung  für  die  Geschichte
der  wirtschaftlichen  Ideen  gesucht  werden.

§  3.  Die  wirkliche  Originalität  List’s.
Schon  in  seiner  Methode  ist  er  ein  Bahnbrecher.  Als  erster  verwendet ­
  er  die  Geschichte  und  die  geschichtliche  Vergleichung  als  Beweis-1)
  „Nat.  Syst.  Ausg.  Cotta,  1841,  S.  263:  „Der  bloße  Agrikulturstaat  ist  ein
unendlich  minder  volkommener  Zustand  als  der  Agrikultur-Manufakturstaat.  Erstercr
ist  immer  ökonomisch  und  politisch  mehr  odor  weniger  von  denjenigen  Nationen  ah'
hängig,  die  ihm  Agrikulturprodukte  gegen  Manufakturwaren  abnehmen.  Er  kann
nicht  für  sich  selbst  bestimmen,  wie  viel  er  produzieren  will,  er  muß  warten,  wie  vie
Andere  von  ihm  kaufen  wollen.“  .
2 )  „Eine  zur  Manufaktursuprematie  gelangte  Nation  vermag  nur  durch  frei^
Einfuhr  von  Lebensmitteln  und  Rohstoffen,  und  durch  die  Konkurrenz  fremder  Man>^
fakturwaren  ihre  eigenen  Manufakturisten  und  Kaufleute  gegen  Rückschritte  und  ln
dolenz  zu  bewahren“  (Nat.  Syst.  S.  274,  Ausg.  Cotta,  1841).  England  gibt  er  a
Grund  dieserTheorie  den  Rat,  seine  Zollschranken  fallen  zu  lassen,  während  Frankreic  •>
Deutschland  und  die  Vereinigten  Staaten  die  ihren  beibehalten  dürfen.
            
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