Metadata : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

§  1.  Die  Theorie  des  Dienstwertes.
In  erster  Linie  steht  das  Wertgesetz,  das  „in  der  Nationalökonomie
dieselbe  Rolle  spielt  wie  das  Zahlensystem  in  der  Arithmetik“ 1 ).
Wie  wir  wissen,  hatte  Ricakdo  gelehrt,  daß  der  Wert  durch  die  für
die  Produktion  geleistete  Arbeit  bestimmt  werde.  Diese  Theorie  fand
Bastiat  höchst  annehmbar,  und  er  hätte  sie  gern  in  seine  „Harmonien“
hineingebracht,  denn  sie  stimmte  sehr  gut  mit  der  Gerechtigkeitsidee
überein,  da  sie  zeigte,  daß  jeder  Wert  und  infolgedessen  jedes  Eigentum
auf  die  Arbeit  gegründet  ist.  Obgleich  die  Methode  Bastiat’s  sehr  von
einem  a  priori  Standpunkt  ausging  und  so  wenig  realistisch  wie  möglich
war,  konnte  er  sich  doch  nicht  mit  einer  Auffassung  begnügen,  die  zu  klar
mit  den  Tatsachen  in  Widerspruch  stand,  denn  sie  war  nicht  imstande,
zu  erklären,  warum  z.  B.  der  Wert  einer  zufällig  gefundenen  Perle  dem
einer  mit  Mühe  vom  Grunde  des  Meeres  heraufgeholten  Perle  gleich  ist.
Daher  sucht  er  eine  andere  Erklärung,  die  ebenso  normativ  wie  die
Ricardo’s  sein  sollte,  aber  mehr  mit  den  Tatsachen  in  Einklang  stand.
Nun  hatte  gerade  Carey,  um  die  Theorie  Ricardo’s  zu  berichtigen,
eine  andere  sehr  geistreiche  aufgestellt:  nämlich,  daß  der  Wert  nicht
von  der  geleisteten  Arbeit,  sondern  von  der  ersparten  Arbeit  bestimmt
wird.  Diese  Theorie  ließ  sich  ausgezeichnet  mit  den  der  Theorie  Ricardo’s
widerstrebenden  Tatsachen  in  Übereinstimmung  bringen;  sie  erklärte  die
Hypothese  der  gefundenen  Perle  sehr  gut.  Bastiat  griff  sie  begierig  auf 2 )-Immerhin
  genügte  sie  ihm  noch  nicht  ganz;  denn,  es  befriedigt  wohl  das
Gerechtigkeitsgefühl,  wenn  man  feststellen  kann,  daß  der  erzeugte  Wert
im  Verhältnis  zur  aufgewandten  Mühe  steht:  aber,  es  ist  offenbar  nicht
das  Gleiche,  wenn  man  sich  darauf  beschränkt  zu  zeigen,  daß  der  Wert
im  Verhältnis  zur  ersparten  Arbeit  stehe,  —  das  heißt  nämlich,  was  wohl
zu  bemerken  ist,  im  Verhältnis  zu  einer  Arbeit,  die  niemals  geleistet
worden  ist  und  niemals  geleistet  werden  wird!  Wo  bleibt  dann  die  wirtschaftliche ­
  Harmonie?  Da  erleuchtet  ein  Lichtstrahl  seinen  Geist:  Ist  diese
ersparte  Arbeit  nicht  ein  dem  Erwerber  geleisteter  Dienst?  Damit
hat  er  die  so  lange  gesuchte  Erklärung  endlich  gefunden:  „Der  Wert  ist
das  Verhältnis  zweier  ausgetauschter  Dienste“ 3 ).  Und  da  nun
alles  Eigentum  und  alles  Vermögen  nichts  weiter  ist  als  eine  Summe  von
Werten,  so  kann  man  auch  sagen,  daß  das  Eigentum  eines  jeden  nur  die
*)  Harmonies,  Kap.  V,  S.  140.
ä )  „Ich  habe  nachgewiesen,  daß  die  Grundlage  des  Wertes  weniger  die  de®
Gebenden  verursachte  Mühe,  als  die  dem  Empfangenden  ersparte  Mühe  ®
(hier  wäre  es  gerecht  gewesen,  Carey  zu  zitieren!),  und  deshalb  habe  ich  sie  in  etwa»
verlegt,  das  diese  beiden  Bestandteile  umfaßt:  den  Dienst“  (Harmonies,  Kap-  1^’
S.  341).
3 )  Harmonies,  Kap.  V,  S.  145.
            
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