Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

wendigerweise  im  umgekehrten  Verhältnis  zu  den  Löhnen  schwankt“,
stimmte  nicht  zu  ihrer  Auffassung.  Es  mußte  ebenfalls  zurückgewiesen
werden  und  Bastiat  stellte  ihm  in  der  Tat  ein  anderes  Gesetz  der  Harmonie
entgegen,  nach  dem  die  Interessen  des  Kapitals  und  der  Arbeit  solidarisch
wären,  indem  der  Anteil  des  Einen  und  des  Anderen  sich  gleichzeitig  erhöhe,
der  der  Arbeit  sogar  schneller  als  der  des  Kapitals 1 ).  Die  folgende  Zusammenstellung ­
  Bastiat’s  soll  dies  nachweisen:

Gesamtprodukt
1.  Periode  1000
2.  „  2000
3.  „  3000
4.  „  4000

Kapitalanteil
500  (50  %)
800  (40  „  )
1050.  (35  .,  )
1200  (30  „  )

Arbeitsanteil
500  (50  %)
1200  (60  „  )
1950  (65  „  )
2800  (70  „  )

Das  ist,  was  Bastiat  „das  große,  bewunderungswürdige,  tröstliche,
notwendige  und  unabänderliche  Gesetz  des  Kapitals“  nennt.
Der  Beweis,  auf  den  er  das  Gesetz  gründet,  ist  sehr  einfach,  ja  sogar
ein  wenig  zu  einfach.  Er  stützt  sich  nur  auf  das  bekannte  Gesetz  des
Sinkens  des  Zinsfußes,  auf  das  lange  vorher  Turgot  und  viele  andere
Volkswirtschaftler  hingewiesen  hatten.  Wehn  das  Kapital,  sagt  er,  anstatt
5%  Zinsen  zu  erheben,  nur  3%  erhebt,  so  heißt  das,  daß  sein  Anten
geringer  wird;  und  wenn  sein  Anteil  an  dem  Erzeugnis  mehr  und  mehr
zurückgeht,  so  ergibt  sich  notwendigerweise  hieraus,  daß  der  für  die  Arbeit
verbleibende  Teil  immer  größer  wird.
Diese  relative  Verminderung  des  Anteils  hindert  übrigens  das
Kapital  nicht,  einen  immer  größeren  absoluten  Teil  zu  erhalten,  wen»
das  Gesamtprodukt  größer  wird,  was  der  Fall  in  jeder  fortschreitende»
Gesellschaft  ist,  aber  immerhin  wächst  sein  Anteil,  wenn  er  sich  auch
vermehrt,  relativ  geringer,  als  der  der  Arbeit.  Wenn  z.  B.  das  Gesamtprodukt ­
  verdreifacht  ist,  so  hat  der  Anteil  des  Kapitals  sich  nur  verdoppelt
während  sich  der  der  Arbeit  vervierfacht  hat.

Leider  ist  auch  diese  Beweisführung  nur  ein  reiner  Sophismus.  Zunächst ­
  könnte  man  sagen,  daß  die  oben  angegebenen  Zahlen  einfach  f ür
die  Zwecke  der  Beweisführung  erfunden  worden  sind.  Man  könnte  b e '
zweifeln,  daß  die  Tatsache  des  Sinkens  des  Zinsfußes,  auf  die  sie  sic* 1
gründet,  allgemein  genug  feststehe,  um  den  Charakter  eines  bleibende»
Gesetzes  zu  haben:  die  Wirtschaftsgeschichte  zeigt  uns  vielmehr  periodische
Schwankungen  des  Zinsfußes  und  erst  kürzlich  ist  der  Zinsfuß  wieder
bedeutend  gestiegen.
Das  angebliche  Gesetz  wird  noch  zweifelhafter,  wenn  man,  wie  Basti aT

DHarmonies,  Kap.  VII,  S.  250.  „Hört  doch  auf,  ihr  KapjJ'^'^gjda»
Arbeiter,  euch  mit  mißtrauischen  und  neidischen  Blicken  zu  betrachten!
S.  252.)
            
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