Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

des  sinkenden  Zinsfußes  —  und  anderer  neuer  und  mächtigerer  Faktoren
als  da  sind:  der  Druck  der  Arbeiterorganisationen,  Streiks,  gesetzgeberische
Einmischungen  usw.,  —  daß  trotz  alledem  der  Anteil  des  Kapitals  am
sozialen  Gesamteinkommen  sieh  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  schneller
als  der  Anteil  der  Arbeit  vergrößert  hat 1 ).
§  4.  Die  Unterordnung  des  Produzenten  unter  den  Verbraucher.
Bastiat  legte  diesem  Prinzip  eine  sehr  große  Bedeutung  bei;  inwiefern
erschien  es  ihm  aber  als  eine  Harmonie?
Weil  die  Unterordnung  des  Produzenten  unter  den  Verbraucher  nichts
Anderes  ist  als  die  Unterordnung  des  Privatinteresses  unter  das  Allgemeininteresse. ­
  Der  Produzent  läßt  sich  nur  von  seinem  eigenen  Interesse  leiten
und  verfolgt  weiter  nichts  als  seinen  Profit;  aber  da  Alles,  was  er  erfindet,
um  seinen  Profit  zu  vergrößern,  darauf  hinausläuft,  die  Preise  zum  Sinken
zu  bringen,  so  ist  es  der  Verbraucher,  der  schließlich  den  Gewinn  davon
hat 2 ).  So  zwingen  die  wirtschaftlichen  Gesetze,  das  der  Konkurrenz,
des  Wertes  usw.,  den  Produzenten  dennoch  dazu,  Altruist  zu  sein,  so  gerne
er  auch  Egoist  wäre;  sie  halten  ihn  zum  Wohle  Aller  zum  Narren.  Er  glaubt,
daß  seine  Arbeit  auf  den  größtmöglichen  Profit  für  ihn  selbst  abziele,
aber  in  Wirklichkeit  arbeitet  er,  um  möglichst  wirtschaftlich  die  Bedürfnisse
Anderer  zu  befriedigen.  Hierin  liegt  die  Harmonie.
In  allen  verwickelten,  wirtschaftlichen  Fragen  muß  man  daher  al s
einziges  Kriterium  das  folgende  annehmen:  welche  Lösung  ist  die  vorteilhafteste ­
  für  den  Verbraucher?  —  und  niemals  darf  man  fragen,  wie  ma’)
es  gewöhnlich  tut:  was  wird  für  den  Produzenten  am  vorteilhaftesten  sein?
Handelt  es  sich  z.  B.  um  den  internationalen  Handel,  so  sucht  man  heutzutage ­
  das  Interesse  des  Produzenten  und  errichtet  Schutzzölle:  man  mnß
aber  das  Interesse  des  Verbrauchers  verfolgen,  und  sofort  erscheint  der
Freihandel  geboten.  Oder,  wenn  es  sich  um  öffentliche  oder  private  Ausgaben ­
  handelt,  z.  B.  um  zerbrochene  Fensterscheiben 3 ),  um  verschossenes
*)  Siehe  Gide,  Cours  d’Lconomie  politique  (über  die  Steigerung  der  löhne,
S.  622)  und  Colson,  Cours  d’Leonomie  politique,  Bd.  III,  S.  366).  Nach  Cols oIJ
hat  der  Anteil  des  Einkommens  aus  erworbenem  Reichtum  und  aus  Unternehmungen
sich  seit  1820  wahrscheinlich!  vervierfacht,  während  sich  der  der  entlohnten  Arbd
nur  im  Verhältnis  von  1  :  3(4'  vermehrt  hat.  _
2 )  „Der  Verbraucher"  dinTPublikum,  ist  mit  Hinsicht  auf  den  Verlust  oder  De
winn,  der  zunächst  diese  oder  jene  Klasse  von  Produzenten  betrifft,  dasselbe,
die  Erde  für  die  Elektrizität  ist,  der  große  allgemeine  Behälter.  Alles  geht  von  h^
aus  und  nach  einigen  mehr  oder  weniger  langen  Umwegen  .  .  .  kehrt  Alles  h ier
zurück  .  .  .  Infolgedessen  müssen  alle  großen  Fragen  von  dem  Gesichtspunkte
Verbraucher  studiert  werden,  wenn  man  ihre  allgemeinen  und  beständigen  Wirkung
begreifen  will“  (Harmonies,  Kap.  XI,  S.  414).  '  ,,^ en
3 )  Siehe  das  Pamphlet:  La  Vitre  Cassee,  eine  der  bekanntesten  kleinen  Schn
Bastiat’s.
            
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