Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Stuart  Mill  hätte  in  das  Kapitel  eingereiht  werden  können,  das
wir  den  Pessimisten  gewidmet  haben,  denn  in  gewisser  Hinsicht  gehört
er  zu  ihrer  Schule,  besonders,  weil  er  stets  mehr  die  trübe  Seite  der  wirtschaftlichen ­
  Tatsachen  ins  Auge  faßt.  Wie  wir  schon  gesehen  haben,
erscheint  ihm  nicht  nur  das  Gesetz  der  Bevölkerung  als  voller  Gefahren
für  die  Zukunft  der  Arbeiterklasse,  sieht  er  nicht  nur  in  dem  Gesetz  des
sinkenden  Bodenertrages,  d.  h.  in  der  verhängnisvollen  Begrenzung  der
zum  Leben  notwendigen  Erzeugnisse,  „die  wichtigste  Wahrheit  der  volkswirtschaftlichen ­
  Wissenschaft“,  sondern  seine  Bücher  sind  voll  von
melancholischen  Betrachtungen  über  den  eitlen  Glauben  an  den  Fortschritt. ­
  So  sagt  er  z.  B.  an  der  so  oft  angeführten  Stelle:  „Es  ist  zweifelhaft, ­
  ob  alle  mechanischen  Erfindungen  die  tägliche  Arbeitslast  irgendeines ­
  menschlichen  Wesens  erleichtert  haben *  1 ).“  Und  in  gleicher  Weise
zeigt  er  uns  in  einer  ergreifenden  Vision  die  Zukunft  der  Gesellschaft
und  führt  aus:  „wie  der  Strom  menschlichen  Fleißes  am  Ende  allen  Endes
in  ein  stagnierendes  totes  Meer  mündet“.
Es  ist  der  Mühe  wert,  einen  Augenblick  bei  dieser  Idee  eines  stationären ­
  Zustandes  zu  verweilen,  die,  wenn  auch  ihre  Ursprünge
weit  vor  Mill  liegen,  doch  einer  der  für  ihn  bezeichnendsten  Gedanken
seines  Werkes  ist,  in  dem  man  sogar  „am  Ende  allen  Endes“  seine  Lösung
der  sozialen  Frage  suchen  muß.
Wie  wir  sahen,  haben  die  Volkswirtschaftler  und  besonders  Kicardo
das  Gesetz  des  allmählich  sinkenden  Profits,  als  eng  mit  dem  Gesetz
des  sinkenden  Bodenertrages  verbunden  gelehrt.  Sie  glaubten,  daß  es
bis  zu  dem  Punkte  fortwirken  würde,  an  dem  die  Verminderung  des  Profits
so  groß  geworden  sei,  daß  die  Bildung  neuer  Kapitalien  verhindert  würde 2 ).

einem  jeden  frei  stehen,  über  sein  Eigentum  durch  Testament  zu  verfügen,  aber  nicht
es  zu  verschwenden,  um  ein  oder  mehrere  Personen  über  ein  bestimmtes,  festgelegtes
Maximum  hinaus  zu  bereichern“  (Bd.  I,  B.  II,  Kap.  2,  §  4).
Es  ist  kaum  notwendig,  darauf  hinzuweisen,  daß  die  Beschränkung  des  Erbrechtes
eine  durchaus  persönliche  Auffassung  des  Individualismus  Stuart  Mill’s  ist,  die,
gerade  wie  übrigens  die  Vorhergehenden  Lösungen,  von  der  überwiegenden  Mehrzahl
der  Individualisten  verworfen  wird.  Es  ist  daher  etwas  gewagt,  wenn  Schatz  in  seinem
Buch  über  den  Individualismus  behauptet,  daß  „Stuart  Mill  der  wirkliche  Wardein
des  individualistischen  Geistes  sei!“  Er  wäre  dann  ein  etwas  ungetreuer  Verwalter,
dessen  Unterschlagungen  zu  zahlreichen  Prozessen  Anlaß  gegeben  hätten  1
l )  Principles,  B.  IV,  Kap.  6,  §  2.
a )  Zu  jeder  Zeit  und  an  jedem  Orte  hat  es  eine  gewisse  Höhe  des  Profits  gegeben,
die  das  Minimum  darstellt,  bei  dem  die  Menschen  dieser  Zeit  und  dieses  Landes  sich
dazu  entschließen  können,  Ersparnisse  zu  machen  und  sie  produktiv  anzulegen.  •  •  •
Wenn  auch  diese  Minimalhöhe  verschieden  sein  kann,  und  obgleich  es  möglich  sein  mag,
ihre  genaue  Höhe  in  einem  gegebenen  Augenblick  festzusetzen,  so  besteht  doch  dieses
Minimum  stets.  Sei  es  hoch  oder  niedrig,  sobald  es  einmal  erreicht  worden  ist,  k an11
die  Summe  der  Kapitalien  nicht  weiter  steigen.  Das  Land  hat  den  Zustand  erreicht,
            
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