Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

416

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Rau,  Garnier 1 ),  Rossi  fahren  fort,  sie  zu  wiederholen,  onne  etwas  von
Bedeutung  hinzuzufügen.  So  ist  die  Ökonomie  unter  ihren  Händen  zu
einem  Gebilde  ziemlich  farbloser  Lehrsätze  eingetrocknet,  deren  Verbindung ­
  mit  den  konkreten  wirtschaftlichen  Leben  immer  weniger  klar
hervortritt,  je  weiter  man  sich  von  ihrem  Ursprungsland  entfernt.  Allerdings ­
  könnte  man  Stuart  Mill  hiervon  ausnehmen.  Sein  Buch  datiert
aber  erst  von  1848  und  damals  war  die  historische  Schule  schon  geboren.
Seit  A.  Smith,  dessen  Werk  so  vielseitig  und  anregend  ist,  scheint  die
Nationalökonomie  nach  einem  Wort  Schmoller’s  an  einer  Art  von  Bleichsucht ­
  zu  leiden 2 ).
Dieser  Eindruck  wird  von  Arnold  Toynbee  in  einem  Artikel  über
die  alte  Nationalökonomie  sehr  gut  wiedergegeben.  „Ein  künstliches
Gebilde  der  Logik“  schreibt  er,  „wird  das  offizielle  Gesicht  der  wirklichen
Welt.  Nicht  daß  Ricardo  selbst,  der  ein  wohlwollender  und  guter  Mann
war,  gewünscht,  oder  wenn  er  sich  die  Frage  vorgelegt  hätte,  vermutet
hätte,  die  Welt  seiner  „Grundzüge“  sei  die  Welt,  in  der  er-lebte;  aber
unwillkürlich  nahm  er  die  Gewohnheit  an,  die  Gesetze,  die  nur  für  die
von  ihm  in  seinem  Arbeitszimmer  im  Hinblick  auf  die  wissenschaftliche
Analyse  geschaffene  Gesellschaft  wahr  sind,  auf  die  komplizierte  Gesellschaft ­
  anzuwenden,  die  um  ihn  lebte  und  webte.  Diese  Verwirrung  wird
von  einigen  seiner  Nachfolger  vermehrt,  und  in  den  schlecht  informierten,
volkstümlichen  Darlegungen,  die  man  von  seiner  Lehre  gab,  noch  verstärkt ­
  3 ).  Mit  anderen  Worten,  die  Kluft  zwischen  der  wirtschaftswissenschaftlichen ­
  Theorie  und  der  konkreten  Wirklichkeit  tritt  immer
deutlicher  zutage.  Diese  Spaltung  wächst  mit  der  Umwandlung  der
Industrie  mehr  und  mehr,  da  unvorhergesehene  Probleme  auftreten,  neue
soziale  Klassen  entstehen,  und  die  Industrie  auf  Länder  übergreift»
deren  wirtschaftliche  Verhältnisse  zuweilen  sehr  verschieden  von  denen
sind,  die  in  Frankreich  und  in  England  die  Gedankengänge  der  Gründer
hervorgerufen  hatten.
Man  konnte  versuchen,  diese  Kluft  zwischen  der  Wirklichkeit  und
der  Theorie  auf  zweierlei  Weise  zu  verschmälern.  Entweder,  indem  man
durch  die  Analyse  eine  neue  Theorie  aufbaute,  die  harmonischer  und
umfassender  war,  —  das  ist  der  Weg,  den  gegen  1870  Menger,  JbvoNS
und  Walras  betraten,  —  oder  radikaler,  indem  man  jede  abstrakte
')  Joseph  Garnier  (der  nicht  mit  Germain  Garnier,  den  Übersetzer  A.  SmitB  s >
verwechselt  werden  darf)  veröffentlichte  1845  die  erste  Ausgabe  seiner  filömeu  ^
d’Üconomie  politique.  Er  war  seit  1848  bis  zu  seinem  im  Jahre  1881  erfolgt 0 '
Tode  Chefredakteur  des  Journal  des  Üconomistes.  Nach  seinem  Tode  trat  MoU NAJt  >
und  nach  dessen  Tode,  1912,  Yves  Guyot  an  seine  Stelle.  .  ,
2 )  G.  Schmoller,  Zur  Literaturgeschichte  der  Staats-  und  ß° z .!f  r
Wissenschaften,  Leipzig  1888  (der  Ausdruck  findet  sich  in  der  Abhandlung  u
Roscher).
3 )  A.  Toynbee:  The  Industrial  Revolution,  S.  7.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.