Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  423

schaftlichen  und  statistischen  Gesetzen 1 )“.  An  einer  anderen  Stelle
erklärt  er  etwas  melancholisch:  „Schon  die  Frage,  ob  das  ökonomische
Leben  der  Menschheit  eine  Einheit  bilde,  einen  einheitlichen  Entwicklungsprozeß ­
  darstelle,  einen  Fortschritt  zeige,  können  wir  nicht  mit  empirischen
Beweisen  bejahen“ 2 ).  Diese  Stelle  ist  durchaus  charakteristisch,  und
erscheint  wie  die  Zusammenfassung  der  großen  synthetischen  Abhandlung,
die  Schmoller  1908  veröffentlichte 3 ).  Mit  dem  gleichen  Skeptizismus
steht  er  den  Versuchen  der  Geschichtsphilosophie  gegenüber 4  S.  *  *  8 ).
2.  Die  „junge  historische  Schule“  hat  sich  nicht  damit  begnügt,
die  Dringlichkeit  der  Anwendung  der  Geschichte  auf  die  Nationalökonomie
zu  proklamieren.  Sie  hat  die  historische  Methode  wirklich  ins  Werk  gesetzt. ­
  Seit  1860  ungefähr  wenden  sich  die  deutschen  Volkswirtschaftler
mehr  und  mehr  von  den  theoretischen  Fragen  ab.  Sie  gehen  fast  ausschließlich ­
  in  der  Diskussion  praktischer  Probleme  auf,  hauptsächlich
in  der  Untersuchung  sozialer  Fragen  und  in  historischen  und  beschreibenden ­
  Arbeiten.  Die  volkswirtschaftlichen  Monographien  häufen  sich.
Lie  Einrichtungen  des  Mittelalters  und  des  Altertums,  die  alten  Doktrinen, ­
  die  Sozialgeschichte,  die  Statistik,  die  Beschreibung  der  wirtschaftlichen ­
  Organisation  der  modernen  Nationen  bilden  den  Hauptgegenstand ­
  dieser  Arbeiten.  Die  Nationalökonomie  löst  sich  in  dem

l )  Ebenda,  Bd.  I,  S.  109.
s )  Ebenda,  Bd.  II,  S.  653.
*)  Einige  Anhänger  der  historischen  Schule  sind  aber  nicht  so  vorsichtig.  So
schreibtAsHLEY(Histoire  et  doctrines  öconomiques  de  l’Angleterre,  Vorwort,
S.  3  d.  franz.  Übers.,  1900)  folgendes:  „Ebenso,  wie  die  Geschichte  der  Gesellschaft,
trotz  scheinbarer  Rückschritte,  eine  regelmäßige  Entwicklung  enthüllt,  so  hat  es  auch
sine  regelmäßige  Entwicklung  in  der  Geschichte  des  menschlichen  Geisteslebens  gegeben, ­
  und  folglich  auch  in  dem,  was  die  Menschen  über  die  wirtschaftliche  Seite
des  Lebens  gedacht  haben.“  Ebenso  Ingram  (Histoire  de  l’Üconomie  politique,
8.  293  d.  franz.  Übers.,  1893):  „Wie  wir  mehr  als  einmal  dargelegt  haben,  ist  der  Gedanke ­
  der  Entwicklung  oder,  mit  anderen  Worten,  der  einer  geordneten  Veränderung
e 'n  wesentlicher  Teil  der  Idee  des  Lebens.  Daß  eine  derartige  Entwicklung  in  der
Verfassung  oder  in  dem  geordneten  Betrieb  der  Gesellschaft  in  allen  ihren  Bestandteilen
stattfindet,  ist  eine  Tatsache,  die  man  nicht  in  Zweifel  ziehen  kann  ...  Es  ist  ebenfalls ­
  selbstverständlich,  daß  zwischen  den  verschiedenen  sozialen  Bestandteilen  Beziehungen ­
  solcher  Art  bestehen,  daß  eine  Veränderung  in  dem  einen  dieser  Bestandteile
Veränderungen  in  einem  anderen  bedingt  oder  herbeiführt.  Man  sieht  daher  nicht  leicht
ßin,  weshalb  man  so  beständigen  Beziehungen  der  Koexistenz  und  der  Aufeinanderfolge
die  Benennung  „natürliche  Gesetze“  versagen  will.  Da  diese  Gesetze  allgemein  gültig
sind,  gestatten  sie  die  Bildung  einer  abstrakten  Theorie  der  wirtschaftlichen  Entwicklung.“ ­

4 )  Gegenüber  den  Versuchen  der  Geschichtsphilosophie  hat  Schmoller  „die
Empfindung,  daß  die  Wissenschaft  auf  ihrer  heutigen  Stufe  nicht  wieder  davon  lassen
kann,  solche  Versuche  zu  machen,  daß  es  sich  aber  bis  jetzt  doch  mehr  um  wissenschaftliche ­
  Versuche,  teilweise  mehr  um  teleologische  Deutungsversuche,  als  um  für  immer
gesicherte  Wahrheiten  handelt“  (Grundriß,  Bd.  II,  S.  665).
            
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