Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  433

■davon  absieht,  daß  in  irgendeinem  Spezialfall  persönliche  Neigungen
dieses  oder  jenes  Beteiligten  Unterschiede  herbeiführen  können,  der
beständigste  Beweggrund  für  jede  Handlung  nicht  gerade  der  egoistische
Wunsch  des  Wohlseins  oder  des  Gewinnes?  Das  ist  die  Meinung  Adolf
Wagner’s,  der  sich  in  diesen  Fragen  der  Methode  mit  Entschiedenbeit ­
  von  der  historischen  Schule  trennt.  Er  hat  mit  viel  Scharfsinn  die
verschiedenen  Beweggründe,  die  den  Menschen  in  seinem  wirtschaftlichen
Leben  leiten,  untersucht  und  kommt  zu  dem  Schluß,  daß  von  allen  Beweggründen ­
  „der  Egoismus“  der  einzige  wirklich  beständige  und  dauernde  ist.
»Daraus  erklärt  sich  und  rechtfertigt  sich“,  sagt  er,  „daß  die  Methode
der  Deduktion  der  politischen  Ökonomie  gerade  dieses  Motiv  als  Ausgangspunkt ­
  genommen  hat“ 1 ).
Nach  dieser  Feststellung  muß  man  mit  Knies  jedoch  anerkennen,
baß  die  klassischen  Volkswirtschaftler  die  Veränderungen,  die  die  Bestrebungen ­
  des  persönlichen  Interesses  in  der  Wirklichkeit  unter  dem  Einhuß
  anderer  Beweggründe  erleiden,  nicht,  wie  Knies  sagt,  geleugnet,
über  doch  zu  sehr  vernachlässigt  haben.  Sie  sind  hierin  manchmal  soweit
gegangen,  daß  sie  die  Nationalökonomie  in  eine  „einfache  Naturgeschichte
des  Egoismus“,  wie  Hildebrand  sagt,  verwandelt  zu  haben  scheinen.
.  Wir  müssen  aber  hier  die  Bemerkung,  die  wir  eben  gemacht  haben,
Wiederholen.  Zur  Zeit,  als  Knies  seine  Kritik  formulierte,  hatte  sie  schon
uufgehört,  wirklich  berechtigt  zu  sein.  Schon  seit  mehr  als  zehn  Jahren
atte  Stuart  Mill  in  seiner  Logik  die  Aufmerksamkeit  auf  diesen  Punkt
gelenkt.  Er  schrieb:  „Ein  englischer  Volkswirtschaftler,  wie  seine  Landsute
  im  Allgemeinen,  kann  nicht  begreifen,  wie  leicht  es  vorkommt,  daß
1  dem  Verkauf  von  Waren  über  den  Ladentisch  beschäftigte  Leute  mehr
, n  “^^Bequemlichkeit  und  ihre  Eitelkeit  als  an  ihren  klingenden  Gewinn
enken“2).  PQ r  se i nen  Teil  erklärte  er:  „daß  es  im  Leben  eines  Menschen
e  eicht  nicht  eine  einzige  Handlung  gibt,  deren  Ursache  nicht  in  einem
0  r  oder  weniger  ersichtlichen  Beweggrund  läge,  der  nichts  mit  dem
unsch  nach  Bereicherung  zu  tun  hat“ 3 ).  So  ist  schon  für  Stuart  Mill
( j c ' r  c S°istische  Beweggrund,  die  Jagd  nach  dem  Gewinn,  nicht  mehr
»unveränderliche  und  allgemeine“  Beweggrund  des  Menschen.  Wie
g  SC f h0n  * n  dem  vorhergehenden  Kapitel  gesehen  haben,  deckt  sich
lieh  t  '  Stuaht  Mill  der  Egoismus  oder  das  wohlverstandene  persön-^
  luteresse,  wie  er  es  definiert,  mit  dem  Altruismus.
Sch  l  6r  auch  hier  haben  die  Vorwürfe  der  Anhänger  der  historischen
Rieht  tr ° tz  d,rer  Übertreibungen,  ebenfalls  die  Volkswirtschaftler  anderer
ungen  dazu  gezwungen,  ihre  Auffassungsweise  genauer  zu
_  eren.  Heute  behauptet  Marshall,  daß  sich  die  Volkswirtschaftler
1  Wagner,  Grundlegung,  §  67.
)  »tuart  Mill,  Logik,  Bd.  II,  S.  602.
>  Ebenda,  S.  408.
Ido  un«I  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungon.  2.  Aufl.  28
            
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