Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der‘Streit  über  die  Methoden.  435
Auf  diese  Kritik  der  Methode,  hat  die  „junge  historische  Schule“
ganz  besonderen  Nachdruck  gelegt;  und  Menger  hat  sagen  können:
„für  sie  gilt  die  Kunst  abstrakten  Denkens,  und  wäre  das  letztere  auch
in  noch  so  hohem  Maße  durch  Tiefe  und  Originalität  ausgezeichnet,  und
stützte  es  sich  noch  so  sehr  auf  eine  breite  empirische  Grundlage,  kurz
alles,  was  in  den  anderen  theoretischen  Wissenschaften  den  höchsten
Ruhm  der  Forscher  begründet,  neben  den  Produkten  kompilatorischen
Fleißes,  für  etwas  Nebensächliches,  fast  für  ein  Stigma“ 1 ).
In  ihrer  Kritik  der  Abstraktion  und  Deduktion  bei  den  klassischen
Nationalökonomen,  hat  die  historische  Schule  tatsächlich  den  Fehler
begangen,  zwei  Dinge  zu  verwechseln:  Die  Anwendung,  die  die  Klassiker
von  diesen  Methoden  gemacht  haben  und  diese  Methoden  an  sich.
Niemand  wird  leugnen,  daß  die  Klassiker  oft  von  falschen  Prämissen
ausgegangen  sind,  oder  daß  sie,  von  richtigen  Prämissen  ausgehend,
zu  schnell  und  ohne  genügende  Kontrolle  behauptet  haben,  daß  ihre
Schlußfolgerungen  stets  von  den  Tatsachen  bestätigt  würden.  Niemand
wird  bestreiten,  daß  ihre  Analysen  oft  unvollständig  gewesen  sind,  ihre
Verallgemeinerungen  oberflächlich  und  ihre  Formeln  zweideutig 2 ).
Das  ist  aber  noch  lange  kein  Grund,  die  Berechtigung  der  Abstraktion
und  der  Deduktion  anzuzweifeln.  Eine  Kategorie  menschlicher  Beweggründe ­
  zu  isolieren,  um  ihre  Wirkungen  gesondert  zu  untersuchen,  bedeutet
nicht,  das  Dasein  und  den  Einfluß  anderer  Beweggründe  zu  leugnen,
ebensowenig  wie  man  das  Vorhandensein  anderer  Einflüsse  leugnet,
wenn  man  die  Wirkung  der  Schwerkraft  auf  die  Körper  untersucht.  In
einer  Wissenschaft,  wie  der  Nationalökonomie,  wo  der  Versuch  praktisch
unmöglich  ist,  sind  die  Abstraktion  und  die  Analyse  die  einzigen  Mittel,
die  der  Gelehrte  zu  seiner  Verfügung  hat,  um  sich  in  der  Menge  der  Einflüsse, ­
  die  sich  in  der  Wirklichkeit  kreuzen,  zurechtzufinden.  Das  Verfahren,
  auch  wenn  es  ohne  große  praktische  Bedeutung  wäre,  würde
gerechtfertigt  sein,  selbst  wenn  der  so  isolierte  Beweggrund  nebensächlich
wäre.  Dies  um  so  mehr,  da  der  Beweggrund,  um  den  es  sich  hier  handelt,
die  Jagd  nach  Gewinn,  oder  die  Befriedigung  materieller  Bedürfnisse,

r )  K.  Menger,  Untersuchungen  über  du'  “^°bri ti 2en  Ökonomie  gewiß
2 )  „Hier  haben  auch  hervorragende  e  Kap.  1,  §  4,  S.  18).  »Aber
öfters  Fehler  begangen,“  sagt  A.  Wagner  (  Methode,  auch  nicht  solche,  dio
es  waren  dann  regelmäßig  nicht  sowohl  Fehler  F  ehler  in  U nd  bei  der  Anwendung
unvermeidlich  im  Wesen  der  Methode  hegen,  sonue  yiel  Nac hdruck  verteidigt,
d er  Methode.“  Karl  Menger,  der  die  Ded Tf'  Theorie n  zu  erneuern.  Er  sagt:  „Die
h&t  sich  ihrer  gerade,  bedient,  um  die  klassisc  *  nach  die  sogenannte  klassische
nationalökonomische  Theorie,  wie  sie  der  Haup  dag  problem  e j ner  Wissenschaft
»chule  englischer  Nationalökonomen  gestaltete,  We ; se  nicht  m  18sen  ver -
Von  den  Gesetzen  der  Volkswirtschaft  m  belrieuige
niocht“.  Menger,  op.  cit.,  S.  XV.

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