Kapitel II. Der Staatssozialismus.
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deutend erschienen, daß sie darin eine wirklich neue Doktrin gesehen
haben, der sie in den verschiedenen Ländern verschiedene Namen, wie
»Staatssozialismus“ oder „Kathedersozialismus“ in Deutschland, „Inter
ventionismus“ in Frankreich, gegeben haben.
In Wirklichkeit haben wir es hier nicht mit einem ökonomischen
System eigentlichen Sinnes zu tun, sondern mit einer Auffassung der
praktischen Politik, zu der man von den verschiedensten theoretischen
Gesichtspunkten aus gelangen kann. Die Frage nach den Grenzen der
Kegierungstätigkeit in der Güterproduktion und Verteilung ist eins der
bedeutendsten Probleme der Wirtschaftspolitik; mit Unrecht sieht man
aber in ihm eine grundlegende wissenschaftliche Frage, die gestatten würde,
die Volkswirtschaftler gemäß den verschiedenen Lösungen, die sie ihr
geben, zu klassifizieren. Es ist klar, daß diese Lösungen nicht nur von rein
ökonomischen Betrachtungen abhängen, sondern auch von sozialen und
politischen Rücksichten, dem besonderen Begriff, den man sich von dem
allgemeinen Interesse macht, und von dem Vertrauen, das die Natur und
die Form der Regierung zu jeder Zeit und in jedem Lande einflößen 1 ).
Ebenso klar ist, daß diese Frage sich stets von Neuem erheben wird so
lange, als eine Gesellschaft und eine Regierung bestehen werden, und daß
Sle beständig neue Antworten erfordern wird, die sich den neuen Um
ständen, die die Geschichte schafft, anpassen müssen.
Wie erklärt sich nun die außerordentliche Bedeutung, die in einem
pgebenen Augenblick diese Frage in der Geschichte der Doktrinen er
jagt hat?
Wenn die Debatte stets auf dem Boden geblieben wäre, auf den
bMiTH sie gestellt hatte, würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht
einem so leidenschaftlichen Streit Anlaß gegeben haben. Hatte doch
ßiöTH das Laisser-faire hauptsächlich auf Grund rein wirtschaftlicher Ar
gumente verteidigt. Unter dem wachsenden Einfluß des politischen In
dividualismus und Liberalismus trat jedoch fast überall an die Stelle dieser
uitifachen und wohl überlegten Theorie des Laisser-faire ein prinzipielles
iß trauen gegen den Staat, während die Überlegenheit der Einzelpersonen
wirtschaftlicher Faktoren sogar außerhalb der Bedingungen
er Konkurrenz und des Ansporns des persönlichen Interesses
Ur alle Schriftsteller zu einem Axiom wurde.
^ Kiese Art und Weise, die Frage anzusehen, tritt ganz besonders bei
öastiat hervor. Für ihn ist der Hauptcharakterzug der Regierung nicht
<Jle Vertretung der Kollektivinteressen, sondern die Tatsache, daß sie
b b So sagt Dupont-White an einer Stelle, daß der Staat eigentlich erst seit 1789
Schl' r Der Sfcaat ’ den er mit allen Tu g endel1 ausstattet, ist daher, unter Aus-
p ‘ucöiing aller anderen, der konstitutionelle, liberale und demokratische Staat. Der
ior j? iSt kann sich eine derartige Einschränkung erlauben. Bei einem Geschichts-
sc her oder einem Theoretiker wäre sie nicht statthaft.
Gl de und Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 2. Aufl. 29