Kapitel II. Der Staatssozialismus.
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So werden wir am Schluß zu der am Anfang von Rodbertüs als
grundlegend aufgestellten Urage zurückgeführt (s. S. 460). Vollziehen
sich die sozialen Funktionen selbständig zum Wohl des sozialen Körpers
oder können sie sich nur durch das Zwischenglied eines besonderen Organes,
des Staates oder der Regierung, betätigen? Ist die Antwort, die er uns
gibt, wirklich befriedigend?
Gleich am Anfang muß ein erster Widerspruch auffallen: die Grenzen
der wirtschaftlichen Gemeinschaft und die der politischen Gemeinschaft
stimmen nicht überein. Die eine wird durch die Arbeitsteilung geschaffen
und dehnt sich mit ihr aus: die andere entsteht aus den wechselnden
Gluckszufällen der Geschichte. Logischerweise müßte daher die wirt
schaftliche Regierung andere Organe besitzen und andere Grenzen haben
uls die politische Regierung. Und trotzdem vertraut Rodbertüs dem
Staat, so wie er sich aus der Geschichte entwickelt hat, die Rolle des
leitenden Organes an. Zwischen der Definition der wirtschaftlichen Ge
meinschaft Rodbertüs’ und seiner endgültigen Zuflucht in die Arme des
nationalen und monarchischen Staates besteht ein entschiedener Wider
spruch, ein Widerspruch, der sich in gleicher Weise für jeden anologen
Versuch eines „nationalen“ Sozialismus ergibt.
Auf der anderen Seite: um nachzuweisen, daß die selbstentstandenen
sozialen Mechanismen nicht ausreichen, hat Rodbertüs, wie wir gesehen
haben, die Definition der wirtschaftlichen Funktionen, wie sie in der Wirk
lichkeit bestehen, mit dem Ideal vertauscht, das er sich davon macht.
Daher fällt ihm der Nachweis nicht schwer, daß diese idealen Funktionen
sich heute noch nicht vollziehen. Es ist sicher, daß die Produktion noch
mcht auf dem „sozialen Bedürfnis“ beruht, und daß die Güter sich nicht
im Verhältnis zur geleisteten Arbeit verteilen. Wir haben aber auch gc-
sehen, daß das „soziale Bedürfnis“, so wie es Rodbertüs auffaßt, ein
durchaus unbestimmter Begriff ist. Die logische Anwendung der er-
teilungsformel, die er aufstellt, „jedem das Produkt seiner Arbeit , s o
a af Unmöglichkeiten, und die Sozialisten geben selbst zu, daß es wct cr
die Ansprüche der Menschheit noch die der Produktion befriedigen wur e.
Damit die Beweisführung Rodbertüs’ überzeugend wirken könnte, durfte
se ine Definition der sozialen Funktionen nicht schon an und für sich so
große Schwierigkeiten verursachen. .
Geben wir ihm aber immerhin zu, daß die Existenz einer Gese sc la
den guten Ablauf gewisser Funktionen bedingt, deren Definition hier ohne
■Bedeutung ist. Dann bleibt immer noch die Frage offen, und in ihr legt
Je schwerstwiegende Kritik: ob die Kontrolle und die Voraussicht der
^enschen sich nicht in einer anderen Weise, als durch die Einmischung
es Staates, betätigen können? Für Rodbertüs gibt es nur eine Alter-
*jative: entweder absoluter Individualismus oder alleinige Leitung durch
den Staat. Aber weder die Natur noch die Geschichte lassen sich ii
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