Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

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daß  man  sehr  bald  das  Wort  „Arbeiter“  im  Titel  streichen  mußte.  Später
wurde  Stöckek  Hofprediger,  was  der  Bewegung  einen  halb  offiziellen
Charakter  verlieh.  Damals  sagte  Stöcker:  „Ich  habe  die  feste  Überzeugung,
daß  wir  die  soziale  Revolution  in  das  Bett  sozialer  Reformen  leiten
können“ 1 ).  1890  aber  verabschiedete  Kaiser  Wilhelm  II.  seinen  Hofprediger ­
  und  mit  ihm  den  offiziellen  christlichen  Sozialismus 1  2 ).
Etwas  später,  auf  dem  Kongreß  zu  Erfurt  im  Jahre  1896,  versuchten
zwei  andere  junge  Pastoren,  Naumann  und  Göhre 3 ),  die  Arbeiterklasse
mit  sich  fortzureißen,  indem  sie  die  protestantischen  Kirchen  in  eine
mehr  sozialistische  Bahn  bringen  sollten.  Aber  diese  Bewegung,  die  von
den  offiziellen  evangelischen  Kirchen  verurteilt  und  von  den  Arbeitgebern
bekämpft  wurde,  und  die  wenig  Unterstützung  bei  der  Sozialdemokratie
fand,  ist  fehlgeschlagen,  und  ihre  Führer  haben  sich  der  Politik  zugewandt. ­

Auch  in  der  Schweiz  entfaltet  sich  die  Bewegung  kräftig  und  hat
sogar  ihre  fortgeschrittendsten  Führer  in  der  Person  des  Professors  Ragaz
und  der  Pastoren  Kutter 4 )  und  Pflüger  (der  seitdem  Abgeordneter
geworden  ist)  gefunden.
Ebenso  gibt  es  in  Frankreich  eine  und  sogar  mehrere  protestantischsoziale ­
  Richtungen.  Da  sie  aber  nur  einen  kleinen  Bruchteil  des  Protestantismus ­
  umfassen,  der  selbst  nur  eine  ganz  kleine  Minorität  im  Lande
vorstellt,  so  kann  ihr  Einfluß  nicht  beträchtlich  sein:  doch  findet  man  ihn
auf  dem  Grunde  oder  an  der  Spitze  der  verschiedenen  sozialen  Bewegungen,
wie  z.  B.  im  Kampfe  gegen  den  Alkoholismus  und  die  Pornographie,  im
Wiedererwachen  des  Kooperativismus  und  in  der  Schaffung  der  Volks-1

 )  Auf  der  Konferenz  zu  Genf  im  Jahre  1891.
-Auf  dieser  Konferenz  definierte  Stöcker  sein  Programm  wie  folgt:  „Wir  glauben,
daß  wir  ohne  die  Hilfe  des  Staates  nicht  durchdringen  können,  aber  wir  wenden  uns
auch  an  den  Geist  der  Assoziation  .  .  .  Wir  haben  den  Arbeitgebern  gesagt,  daß  es
ihre  Pflicht  wäre,  ein  Opfer  zu  bringen,  und  daß  sie  die  Frage  zusammen  mit  den
Arbeitern  lösen  müssen.  Den  Arbeitern  haben  wir  gesagt,  daß,  wenn  sie  nicht  fleißig,
wirtschaftlich  und  gemäßigt  seien,  sie  niemals  in  eine  bessere  Lage  gelangen  würden.“
(Dieser  Vortrag,  den  Stöcker  auf  eine  Aufforderung  der  Genfer  deutschen  Gemeinde
hielt,  ist  nicht  gedruckt  worden,  doch  berichten  verschiedene  französische  Zeitungen
darüber,  denen  anscheinend  das  Zitat  entnommen  ist.  Anm.  des  Übers.)
a )  Der  Kaiser  exkommunizierte  ihn  sogar  in  aller  Form  in  einem  Telegramm,
das  er  1896  an  einen  mächtigen  Fabrikherrn,  „den  König  des  Saargebietes“,  den  Freiherrn
  Stumm  sandte.
3 )  Göhre  ist  der  Verfasser  eines  Buches:  Drei  Monate  Fabrikarbeiter,  das
großen  Erfolg  hatte.  Der  vor  kurzem  verstorbene  Naumann  ist  während  des  Krieges
durch  sein  Buch  „Mitteleuropa“  berühmt  geworden.
•)  Ein  Buch  des  Pastor  Kutter,  „Sie  müssen«  (ins  Franz,  übersetzt  unter
dem  Titel  „Dieu  les  mene“)  erregte  großes  Aufsehen.  Der  Verfasser  shcht  nachauweisen,
  daß  die  Sozialisten  heute  die  wirklichen  und  einzigen  Nachfolger  Christi
sind,  der  von  der  Kirche  verleugnet  wird.
            
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