Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

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aller  Länder  die  Tendenz,  sich  in  „christlichen  Sozialismus“  umzuwandeln.
Diese  einfache  Umstellung  der  Worte  drückt  auch  den  Programmwechsel
aus.  Sie  besagt,  daß  die  sozialen  Protestanten  die  wesentlichen  Grundsätze ­
  des  internationalen  Sozialismus  annehmen  (Sozialisation  der  Produktionsmittel, ­
  Klassenkampf,  Internationalismus)  und  ihre  vollständige
Übereinstimmung  mit  den  Geboten  des  Evangeliums  behaupten.
Jedoch  gerade  dort,  wo  der  soziale  Protestantismus  sich  als  wirtschaftliches ­
  Programm  mit  dem  Kollektivismus  deckt,  trennt  er  sich
von  ihm  durch  eine  kategorische  Betonung  der  Notwendigkeit  einer
moralischen,  individuellen  Reform,  ebenso  wie  umgekehrt  er  sich  vom
individualistischen  Christentum  durch  die  Betonung  unterscheidet,  daß
das  individuelle  Heil  ohne  eine  Umwandlung  der  Gesellschaft  unmöglich
ist 1 ):  die  Herzensänderung  schließt  auch  die  Milieuänderung  ein.  Welchen
Zweck  soll  es  haben,  Leuten,  die  Keuschheit  zu  predigen,  die  dazu  gezwungen ­
  sind,  im  gleichen  Zimmer  ohne  Unterschied  des  Geschlechtes
oder  des  Alters  zusammen  zu  schlafen?  „Die  Gesellschaft“,  sagt  Fallot,
„muß  so  organisiert  sein,  daß  das  Heil  einem  jeden  zugänglich  ist.“  „Die
Herrschaft  der  Großindustrie“,  sagt  Goünelle,  „ist  das  größte  Hindernis
der  Erlösung  des  Sünders,  das  Christus  jemals  angetroffen  hat!“  Dieser
protestantische  Sozialismus  bleibt  in  dem  Sinne  individualistisch,  daß
e r  den  Individualismus,  den  er  in  seiner  Form  als  Egoismus,  als  zentripetale
Kraft  zu  bekämpfen  sucht,  als  Prinzip  uneigennütziger  Tätigkeit,  als
expansive  und  zentrifugale  Kraft  beibehalten  und  kräftigen  will.  Gern
nimmt  er  als  Devise  die  Worte  Vinet’s,  die  an  seinem  Denkmal  in  Lausanne
geschrieben  stehen:  „Ich  will,  daß  der  Mensch  Herr  über  sich  selbst  sei,
damit  er  um  so  besser  der  Diener.Aller  sein  könne 2 ).“
.[Der  christliche  Sozialismus,  und  zwar  namentlich  derjenige  protestantischer ­
  Herkunft,  hatte  sich  tätig  an  der  Friedensbewegung  beteiligt 3 ),
a ber  nur  wenige  seiner  Anhänger  sind  während  des  Krieges  ihrem  Ideal
treu  geblieben.  Fast  Alle,  die  einem  der  kriegführenden  Länder  angehörten,
haben  sich  —  ganz  wie  die  anderen  Sozialisten  —  mit  dem  Kriege  abgefunden, ­
  ja,  haben  im  Neuen  Testament  nach  Gründen  seiner  Rechtfertigung ­
  gesucht  (und  wäre  es  auch  nur  der  Grund,  daß  dieser  Krieg
den  Krieg  ausrotten  werde)] 4 ).
.  *)  „Ich  will  für  meine  Brüder  Anathema  sein,  sagt  Paulus.  Mit  anderen  Worten,
’ch  will  nicht  allein  gerettet  werden  .  .  .  Erst  dann  werde  ich  vollkommen  erlöst  sein,
wenn  die  ganze  Menschheit  erlöst  ist.  So  ordnet  die  Lehre  des  Evangeliums  die  volle
Verwirklichung  meiner  persönlichen  -Erlösung  der  Erlösung  der  anderen  unter 5 *
(W.  Monod,  La  notion  apostolique  du  salut.  —  Der  apostolische  Erlösungsoegriff).

*)  Oder  wie  er  an  anderer  Stelle  in  einem  beredten  Wort  sagt:  „Um  sich  hinzugeben, ­
  muß  man  sich  gehören.“
8 )  Ein  Kongreß  sollte  gerade  zur  Zeit  des  Kriegsausbruchs  in  Basel  stattfinden.
.  4 )  Die  in  r1  stehenden  Worte  sind  ein  Zusatz  des  Verfassers  für  die  2.  deutsche
Auflage.
            
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