Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel IY. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren. 
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Advokaten, des Professors festzusetzen. Sicherlich gibt es auch in diesen 
Professionen individuelle Ungleichheiten, doch existiert eine Norm, und 
es ist gegen die professionelle Würde, oft ist es sogar durch die Standes 
vorschriften verboten, weniger anzunehmen — und sogar, würde Ruskin 
gern hinzufügen, mehr anzunehmen. Welchen Beruf auch immer ein Mensch 
ausübe, sei er Arbeiter, Soldat oder Kaufmann, er soll nicht für seinen 
Gewinn arbeiten, sondern im Dienste der Gesamtheit. Zweifellos muß 
er entsprechend entlohnt werden, damit die Würde des Arbeiters ge 
sichert, und die Arbeit selbst in gebührender Weise ausgeführt wird, 
aber es ist eine Umkehrung des wahren Verhältnisses, den Gewinn zum 
Zweck und die Arbeit zum Mittel zu machen. 
4. Die Nationalisierung aller natürlichen Hilfsquellen (Boden, Berg 
werke, Wasserfälle) ebenso wie die der Verkehrswege. 
5. Eine soziale Hierarchie, die in Übereinstimmung mit den ge 
leisteten Diensten sich aufbaut, freiwillig anerkannt und ohne niedrigen 
Neid geachtet wird, — die Wiedererrichtung einer neuen Ritterlich 
keit, ohne die „keine industrielle Gesellschaft, ebensowenig, wie eine 
militärische Gesellschaft, leben kann“, und ein offener Kreuzzug gegen 
den elenden Mammondienst 1 ). 
6. Und vor Allem die Erziehung, aber nicht nur der Unterricht; denn 
das, was vor Allem gelehrt werden muß, ist die Reinlichkeit, die Schön 
heit, der Gehorsam, die Bereitwilligkeit, Anderen zu dienen und das, 
dessen Erwerb vor allem Anderen Not tut: „die Fähigkeiten der Bewuiide- 
ru ng, der Hoffnung und der Liebe“ 1 2 ). 
Von dem ganzen Programm Rüskin’s ist bis jetzt nur der letzte 
Punkt auf dem Wege zur Verwirklichung, aber er genügt, um dem Meister 
einen Platz in der Geschichte der wirtschaftlichen Doktrinen, wie auch 
m der Geschichte der Geschehnisse zu sichern. Seine Anregungen haben 
mcht nur zur Schaffung von Arbeiteruniversitäten in Oxford und an 
anderen Plätzen, unter dem Namen „Ruskin Colleges“ geführt, sondern 
uuch zur Schaffung von Gartenstädten (Garden-cities) 3 ): Städte neuer 
1 ) In Übereinstimmung mit diesem Ideal organisierte Ruskin die Gesellschaft 
»Guild of Saint-George“. Sein Ideal war also mit Ritterlichkeit und Militarismus 
S,efärbt, während Tolstoi bekanntlich jeden gewaltsamen „Widerstand gegen das 
Gbel“ und sogar jeden sogenannten Verteidigungskrieg verwarf. 
Vgl. den Aufsatz des Professor Marshall, (obgleich in demselben Ruskin 
jucht erwähnt wird): The social possibilities of economic Chivalry 
(Economic Journal, März 1907). 
2 ) Als die Christian Socialists im Jahre 1854 in London Arbeiterkurse er- 
uffneten, wollte Ruskin Unterricht geben, aber nicht in Volkswirtschaft oder Geschichte, 
s °ndern im Zeichnen. 
3 ) Man nennt so die Arbeiterstädte von Port-Sunlight und Bournville; außerdem 
jjt aber 1902 von einer auf RusKiN’scher Grundlage beruhenden Gesellschaft eine vor 
bildliche Stadt in Hitchin, unweit von Cambridge, vollständig neu geschaffen worden. 
Gide und Rist, Gesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen, ü. Aull. 36
	        
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