Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

566

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

schattier,  gleichzeitigj  in  Österreich,  in  England,  in  der  Schweiz  und  in
Amerika,  mit  Nachdruck  für  die  Nationalökonomie  das  Kecht,  sich  als
exakte  Wissenschaft  aufzubauen,  oder,  wie  sie  sagten,  reine  Ökonomik
zu  sein.  Wie  zu  erwarten,  rief  dieser  Anspruch  einen  lebhaften  Streit
zwischen  den  Vorkämpfern  der  historischen  und  denen  der  neoklassischen
Schule  hervor,  hauptsächlich  zwischen  den  Professoren  Schmoller  und
Kare  Menger.
Das  wichtigtse  Kennzeichen  dieser  neuen  Schule  liegt  darin,  daß  sie
als  das  klarste  Prinzip,  auf  das  sich  diese  Wissenschaft  gründen  ließe,  die
Tatsache  findet,  daß  jeder  Mensch  die  Lust  sucht  und  die  Unlust  scheut
und  sich  unter  allen  Umständen  bemüht,  das  Maximum  der  Einen  mit  dem
Minimum  der  Anderen  zu  erreichen 1 ).  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  eine  so
folgenschwere  Tatsache  —  die  übrigens  weit  über  das  Bereich  der  Wirtschaft
hinausgeht,  da  sie  überall  in  der  Natur  als  das  „Prinzip  des  kleinsten
Mittels“  herrscht,  —  den  klassischen  Volkswirtschaftlern  nicht  entgangen
war.  Nur  nennen  sie  es  einfach  persönliches  Interesse;  heute  heißt  es
|  hedonistisches  Prinzip,  von  dem  griechischen  Wort  fjäov17  Vergnügen,
Annehmlichkeit.  Daher  stammt  der  Name,  unter  dem  wir  diese  beiden
Schulen  zusammengefaßt  haben.
Indem  auf  diese  Weise  alle  Beweggründe,  die  die  Tätigkeit  des  Menschen ­
  bestimmen,  auf  einen  einzigen  zurückgeführt  werden,  will  diese
Schule  sicherlich  nicht  alle  anderen  leugnen.  Sie  behauptet  nur,  das
Recht  zu  haben,  die  Abstraktion  anzuwenden,  ohne  die  eine  exakte
Wissenschaft  unmöglich  ist,  das  Recht,  aus  dem  Beobachtungsfeld  alle
anderen  Faktoren  als  den,  den  man  untersuchen  will,  aüszuschließen.
Den  anderen  sozialen  Wissenschaften  bleibt  es  überlassen,  die  anderen
Beweggründe  der  menschlichen  Handlungen  zu  studieren.  Der  Homo
oeconomicus,  den  man  bei  den  Klassikern  so  stark  verspottet  hatte,  ist
wieder  zu  Ehren  gebracht  und  sogar  noch  vereinfacht  worden:  er  ist  zu
einem  schematischen  Menschen  geworden.  Die  Menschen  werden  nur
noch  als  Kräfte  betrachtet,  die  durch  Pfeile,  wie  in  den  Zeichnungen  eines
Lehrbuches  der  Mechanik,  dargestellt  werden.  Es  handelt  sich  darum,
nachzuweisen,  was  sich  aus  ihren  Beziehungen  untereinander  oder  ihren
Rückwirkungen  auf  die  Umwelt  ergibt.
Wir  werden  auch  sehen,  daß  diese  Schule  ungefähr  zu  dem  gleichen
Schluß  kommt,  nämlich,  daß  die  absolut  freie  Konkurrenz  das  Maximum
an  Befriedigung  für  einen  Jeden  verwirklicht.  Auch  hierin  erneuert  sie,

*)  „Die  im  Folgenden  ausgeführte  Theorie  ist  vollständig  auf  eine  rechnerische  E®'
Stellung  des  Vergnügens  und  der  Mühe  [der  Lust  und  der  Unlust]  aufgebaut;  die  Aufgabe
der  Volkswirtschaft  besteht  darin,  das  Maximum  an  Glück,  das  verwirklicht  werden  kann,
zu  bestimmen,  indem  die  größtmögliche  Menge  an  Vergnügen  mit  der  geringstmöglichen ­
  Mühe  erworben  wird“  (Stanley  Jevons,  Theory  of  political  economyb
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.