Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

2.  Mit  ihr  gleichlaufend  vollzieht  sich  im  Sozialismus  eine  tiefeingreifende ­
  Veränderung.  Schon  im  vorhergehenden  Buche  haben  wir  die
Umwandlung  beschrieben,  die  die  Ideen  Marx’  bei  den  Marxisten  selbst
erlitten  haben.  Ihr  Verfall  ist  auch  sonst  nicht  weniger  augenfällig.  Der
Sozialismus  verzichtet  auf  den  Anspruch,  der  „bürgerlichen“  Ökonomik
eine  „Arbeiter“-Ökonomik  gegenüber  zu  stellen.  „Man  muß  jeder  Anwandlung ­
  widerstehen“,  schreibt  Sorel,  „den  Sozialismus  zur  Wissenschaft
umformen  zu  wollen.“  In  Wirklichkeit  sammeln  sieh  französische  Syndikalisten, ­
  fabische  Sozialisten  in  England,  Bevisionisten  in  Deutschland
mehr  oder  weniger  freiwillig  um  die  wissenschaftlichen  Gedanken  eines
Marshall,  eines  Pareto  oder  eines  Böhm-Bawerk.  Doch  tun  sie  dies
nur,  um  sich  mit  um  so  größerem  Nachdruck  den  sozialistischen  und  politischen ­
  Forderungen  des  Sozialismus  zu  widmen.  Der  Generalstreik,  die
Schaffung  von  Gewerkschaften  und  Genossenschaften,  der  Sozialismus  m
den  städtischen  Verwaltungen,  nehmen  sie  immer  mehr  in  Anspruch,  j e
gleichgültiger  sie  der  Theorie  des  Mehrwertes  gegenüber  werden.  Noch
besser,  wir  sehen,  wie  einige  unter  ihnen,  die  Anhänger  einer  Nationalisierung ­
  des  Bodens,  eine  Art  Aussöhnung  zwischen  dem  Liberalismus  und
dem  Sozialismus  versuchen,  indem  sie  sich  auf  die  vor  allen  anderen
klassische  Theorie:  die  Theorie  der  Bodenrente  stützen.
3.  Dies  ist  nicht  die  einzige  Umwandlung,  die  man  im  Sozialismus
bemerken  kann.  Als  der  Kollektivismus  herrschte,  war  das  Ideal  der
Arbeiterklasse  eine  autoritäre  und  straff  zentralisierte  Ordnung.  Die
Organisation  der  Kollektivsten  in  einer  großen  politischen  Partei,  die
in  manchen  Ländern  an  der  Gesetzgebung  und  sogar  an  der  Regierung
teilnimmt,  hat  diesen  Zug  noch  stärker  ausgeprägt.  Aber  der  alte  revolutionäre ­
  und  individualistische  Geist,  der  stets  und  besonders  in  den
lateinischen  Ländern  lebendig  ist,  beginnt  sich  über  diese  Folgen  zu  b e '
unruhigen.  Wir  wohnen  daher  einer  eigentümlichen  Renaissance  des
Liberalismus  in  der  Arbeiterklasse  bei,  —  eines.  Liberalismus,  der  ganz
sicherlich  von  dem  der  Gründer  verschieden  ist,  der  sich  viel  schärfer  und
heftiger  ausdrückt,  eines  Liberalismus,  den  Smith  und  Bastiat  ohne
jeden  Zweifel  abgelehnt  haben  würden,  und  der,  um  mit  dieser  alten  Lehre
nicht  verwechselt  zu  werden,  den  Beinamen  „libertaire“  (befreiend)
angenommen  hat  —,  der  aber  deshalb  nicht  weniger  authentisch  istes
  ist  dies  der  Anarchismus.  Die  libertaire  oder  anarchistische  Tendenz
die  schon  in  der  Internationale  zu  spüren  ist,  beginnt  immer  sichtbarer
ihre  Herrschaft  über  die  Arbeiterklassen  auszuüben  —  und  hat  den  letzten
gewerkschaftlichen  Bewegungen  in  Frankreich  und  Italien  ihren  Stempf
aufgedrückt.  Zur  gleichen  Zeit  tritt  bei  vielen  Schriftstellern  der  Bourgeoisie
eine  Art  philosophischer  und  moralischer  Anarchismus  zutage,  der  ebenfalls ­
  die  Erneuerung  des  Individualismus  anzukündigen  scheint.
4.  Gegenüber  diesen  Wandlungen  des  Individualismus  und  des  So ­
            
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