Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

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wird  in  diesem  Augenblick  der  erworbene  Haufen  Reis  für  Primus  einen
bedeutend  höheren  Totalnutzen  vorstellen,  als  der  hingegebene  Haufen  Salz.
Man  wird  nun  einwerfen,  daß  es  sich  nicht  allein  um  Primus  handelt,
und  daß  es  darauf  ankommt,  zu  wissen,  ob  auch  Secundus  bereit  sein  wird,
im  gleichen  Augenbück  innezuhalten!  Das  ist  nicht  wahrscheinlich;
sollte  er  sich  entschlossen  haben,  mit  dem  Tausch  aufzuhören,  ehe  die
gegebene  Menge  Reis  genügend  ist,  um  Primus  zu  befriedigen,  so  ist  es
klar,  daß  der  Tausch  nicht  zustande  kommen  wird.  Es  muß  daher  angenommen ­
  werden,  daß  ein  jeder  der  beiden  Tauschenden  geneigt  ist,  die
Grenze,  die  der  andere  sich  im  Stillen  gezogen  hat,  zu  überschreiten;
dann  wird  der  Punkt  des  Abschlusses  durch  einen  Feilschhandel  bestimmt
werden 1 ).

!)  Hier  ersetzen  nun  Ziffern  und  Diagramme  vorteilhaft  lange  Ausführungen.
Wenn  wir  nämlich  eine  aufsteigende  Kurve  zeichnen,  die  die  Nützlichkeit  jeder  Handvoll
  hingegebenen  Salzes  vorstellt,  und  eine  absteigende  Kurve,  die  die  Nützlichkeit
jeder  Handvoll  erworbenen  Reises  vorstellt,  so  müssen  sich  diese  Kurven  notwendigerweise ­
  schneiden,  da  sie  in  umgekehrter  Richtung  verlaufen:  der  Punkt,  an  dem  sie  sich
schneiden,  ist  nun  gerade  der,  an  dem  beide  ausgetauschten  Handvoll  gleich  sind.
Hier  muß  aber  eine  Verwechslung  vermieden  werden:  man  ist  geneigt  zu  glauben,
daß  jeder  Austausch  eine  Gleichwertigkeit  bedeutet,  d.  li.  eine  Gleichheit  des  Grenzßutzens
  einer  jeden  Ware  für  die  beiden  Austauschenden.  Das  ist  durchaus  nicht  der
Fall.  Zwischen  dem  Wunsch  des  Einen  und  dem  des  Anderen  besteht  kein  gemeinsames
Maß  —  keine  Brücke  (no  bridge),  wie  die  englischen  Hedonisten  sagen  —,  sondern
es  handelt  sich  um  die  Gleichheit  des  Grenznutzens  der  beiden  Waren  für  denselben ­
  Austauschenden.  Im  Innern  eines  jeden  geschieht  das  Wägen.  Und  der
a uf  dem  Markte  verwirklichte  Austausch  ist  nur  die  Resultante  aller  dieser  möglichen
Täusche.
Die  österreichische  Schule  zieht  zur  Erklärung  des  Tausches  eine  Hypothese
zu  Hilfe,  die  vielleicht  nicht  unentbehrlich  ist,  denn  andere  Volkswirtschaftler,  wie
Walkas,  sind  sehr  gut  ohne  sie  ausgekommen;  es  ist  das,  was  sie  das  Grenzpaar
ttennt.  Man  muß  sich  Verkäufer  und  Käufer  in  zwei  Reihen  einander  gegenüber  aufgestellt ­
  denken.  Auf  seiten  der  Verkäufer  mißt  ein  jeder  dem  Gegenstände,  den  er
besitzt  und  verkaufen  will,  eine  verschiedene  Nützlichkeit  bei;  auf  seiten  der  Käufer
Ittt  ein  jeder  dasselbe  mit  Hinsicht  auf  den  zu  erwerbenden  Gegenstand.  Zwischen  dem
Verkäufer  nun,  der  dem  von  ihm  zu  verkaufenden  Gegenstand  die  größte  Nützlichkeit
beimißt,  der  also  am  wenigsten  zum  Verkauf  geneigt  sein  wird,  und  dem
Käufer,  der  im  Gegenteil  dem  von  ihm  zu  erwerbenden  Gegenstand  die  geringste  Nützlichkeit ­
  beimißt,  dem  also,  der  am  wenigsten  zum  Kauf  geneigt  sein  wird,
wird  sich  hier  der  erste  Austausch  vollziehen,  der  den  Marktpreis  für  alle  anwesenden
Parteien  festlegt.  Auf  den  ersten  Blick  erscheint  es  unverständlich,  wie  das  Geschäft
Von  den  Gliedern  der  beiden  Parteien  eröffnet  werden  kann,  die  am  wenigsten  Neigung
zu  einem  Abschluß  haben.  Es  würde  natürlicher  erscheinen,  daß  der  Handel  zunächst
Zwischen  dem  Verkäufer,  der  am  meisten  zu  einem  Verkauf  gedrängt  ist  und  nötigenfalls
si °h  mit  10  Fr.  für  den  Hektoliter  zufrieden  geben  würde,  und  dem  Käufer,  der  am
Listen  zum  Kauf  gedrängt  ist  und  der  schließlich  auch  30  Fr.  für  den  Hektoliter
zahlen  würde,  zustande  kommen  müsse!  Bei  einigem  Nachdenken  wird  man  aber
S(! ben,  daß  der  Preis  gerade  deshalb,  weil  beide  bereit  sind,  zu  jedem  Preise  abzuschließen,
aiibestimmt  bleiben  wird.  Diese  beiden  Ungeduldigen  werden  sicherlich  abwarten,
bis  die  am  wenigsten  zu  einem  Abschluß  Gedrängten  zu  einem  Einverständnis  gelangt
            
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