Full text: Die Frau und die Arbeit

Schwunges in der modernen Zivilisation sein mag, er kann 
sicher nicht klagen, daß er des Arbeitsfeldes beraubt wurde, 
daß sein Anteil an den Geschäften des Lebens vermindert 
wäre oder daß er zu krankhafter Untätigkeit verurteilt wor 
den sei. 
Ganz anders gestalteten sich die Dinge im Arbeitsfelde 
der Fraul Der Wandel in den letzten Jahrhunderten, den 
wir in dem vielsagenden Wort „moderne Zivilisation“ zu 
sammenfassen, führt dahin, die Frau nicht nur teilweise, 
sondern gänzlich der wichtigsten ihrer alten Domänen pro 
duktiver und sozialer Arbeit zu berauben, und wo sie nicht 
entschlossenen und zielbewußten Widerstand leistete, er- 
öffnete sich ihr nirgends spontan neue und ausgleichende 
Gelegenheit zur Arbeit. 
Diese Tatsache ist es, die unser modernes „Problem der 
Frauenarbeit“ bildet. 
Unsere Spinnräder sind zerbrochen; in Tausenden von Rie 
sengebäuden produzieren dampfgetriebene Webstühle, von 
mehreren hunderttausend, oft männlichen Händen bedient, 
die Bekleidung der halben Welt, und wir dürfen nicht 
mehr, wie ehedem, stolz sagen, daß wir und wir allein un 
ser Volk bekleiden. 
Unsere Harken und Mahlsteine hatten wir schon längst 
an den Pflüger und Müller abgegeben; aber eine Zeitlang 
war uns noch der Backtrog und die Braukufe geblieben. 
Heute wird unser Brot oft in der Fabrik mit Dampfkraft 
geknetet, und die fertigen Laibe werden uns ins Haus ge 
stellt, vielleicht mittels eines von Männerhand geleiteten 
Motorwagens 1 Die Entstehung unserer Getränke kennen 
wir nicht mehr; wir sehen sie erst bei Tische. Von Tag zu 
Tag nehmen maschinenbereitete, in Fabriken gefertigte 
Nahrungsmittel einen größeren Raum sowohl im Haushalt 
der Reichen, wie der Armen ein. Die Arbeiterfrau wird 
bald nur wenig Selbstbereitetes auf ihren Tisch setzen; in 
den wohlhabenden Klassen aber haben sich die Dinge der
	        
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