Geldwerterhöhung oder Geldentwertung?
95
Maßnahmen ist die Wiederingangsetzucg der volkswirtschaftlichen
Arbeit eine Notwendigkeit, wenn nicht die gewaltigen Steuerlasten
zu einer neuen Preissteigerung Veranlassung geben oder — gar nur
auf dem Papier stehen sollen.
V. Geldwerterhöhung oder Geldentwertung?
Stabilisierung des Geldwertes?
Die bisherigen Erörterungen sind immer von der Annahme
ausgegangen, daß die Herabsetzung der Preise, die Beseitigung
der Geldentwertung, schlechthin erwünscht und demgemäß an
erwirkt, daß sofort eine umfassende Verbilligung der Lebensmittel in die Wege
geleitet werden solle. Zu diesem Zweck haben das Reich, die Einzelstaaten
und die Kommunen zusammen 1,5 Milliarden Mark zur Verfügung gestellt, die
dazu dienen sollen, die inländischen Verkaufspreise bestimmter Waren, insbe
sondere vom Ausland eingeführter Waren, zu ermäßigen.
Diese Form der Zuschußleistung entspricht nicht dem im Text gemachten
Vorschlag. Nach diesem handelte es sich um Waren, die im Ausland auf Kredit
gekauft werden sollten, und bei denen die Zuschußleistungen des Reiches nicht
sofort in die Erscheinung zu treten, d. h. die Mittel nicht sofort im Inland
aufgebracht zu werden brauchten. Die jetzt zur Durchführung gelangte Maß
nahme macht die unmittelbare Zahlung an die inländischen Warenbesitzer oder
an die Besitzer von ausländischen Zahlungsmitteln erforderlich, so daß tatsächlich
eine sofortige Aufbringung der 1,5 Milliarden Mark in Betracht kommt. Da
jedoch diese Summe nicht sogleich auf dem Wege der Steuererhebung, sondern
im Anleihewege (aus bereitstehendem Leihkapital) beschafft wird, so braucht
eine unmittelbare Belastung der Einzelwirtschaften und damit eine sofortige
Rückwirkung auf die Preise nicht gerade gegeben zu sein. Außerdem kommt in
Betracht, daß eine Erhöhung der Eisenbahnerlöhne zweifellos binnen kürzester
Zeit eine neue Preissteigerung zur Folge gehabt hätte, die durch das Vorgehen
der Regierung vermieden worden ist. Und endlich hat die neue Maßnahme den
Vorteil, daß die — nicht unerhebliche — Lebensmittelverbilligung allen Be-
yölkerungskreisen zugute kommt, bzw. später die Kosten der Verbilligung, bei
ihrer Aufbringung durch die Steuern, auf die leistungsfähigen Schultern, ahge-
wftlzt Werden.
Das Gefährliche des beschrittenen Weges ist darin zu erblicken, daß wenu
nicht innerhalb der kurzen Frist, für welche der Zuschuß von 1,5 Milliarden
Mark berechnet ist, nämlich innerhalb der nächsten 3 Monate eine Besserung
der Marktlage für die einzelnen Waren erfolgt ist, daß dann weitere Zuschuß
leistungen nötig werden, die entweder die Ordnung der Finanzen immer wieder
hinausschieben, oder über die ausgeschriebenen Steuern wohl oder übel den
Haushalt der Steuerzahler belasten müssen und den Anstoß zu Lohnsteigerungen
geben können. Bei dem im Text vorgeschlagenen Ankauf auf Grund lang
fristiger Anleihen im Ausland würden die Rückzahlungen entsprechend der
Amortisationsquoten auf größere Zeiträume verteilt werden. Darin liegt der
entscheidende Vorteil gegenüber dem jetzt eingeschlagenen Verfahren. Allerdings
ist ein Haupterfordernis des obigen Vorschlages, daß ein großangelegter Einkauf
ausländischer Waren gegen langfristige Anleihen überhaupt möglich ist . . .