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den sie aber auch gezüchtigt. Wien wurde belagert und eingenommen. Mit
der revolutionären Herrschaft war es vorbei; der Reichstag wurde aufge
löst. aber die Bauern hatten doch erreicht, was sie wollten und brauchten.
Wenn ich mrch erinnere, wie es bei uns in Preutzisch-Schlesien gegangen
war, wo meinem Vater bei der »Befreiung« sein halber Grund und Boden
weggenommen wurde, so muß ich doch sagen, daß es in Oesterreich besser war;
denn dort behielt der Bauer sein ganzes Land, ein Teil der Lasten entfiel
ganz ohne Ablösung, und einen Teil der übrigen Ablösungsgelder, die auch
nicht so hoch waren, zahlte das Land an die Herrschaften. Für die Bauern
war die Revolution doch was wert gewesen."
„Und dafür haben sie sie verraten", schrie hier Karl ganz aufgeregt
dazwischen. „Die eigene Befreiung von den Lasten, die war den Bauern
schon recht; aber als sie die hatten und es" den Wienern schlecht ging, die
doch für die Bauern die Kastanien aus dem Feuer geholt hatten, da rührten
sic sich nicht. Wenigstens hat dein Großvater Nichts davon erwähnt, daß die
Bauern den belagerten Wienern zu Hilfe gekommen wären. So etwas ist
vielleicht praktisch; aber ich nenne so einen Verrat eine Lumperei. Schön
ist es nicht." Er war ganz wild geworden.
„So unrecht hättest du ja nicht," sagte ich darum zu seiner Beruhigung,
„wenn die Volksklassen wie einzelne Menschen zu beurteilen wären, die für
Wohltaten dankbar sein sollten. Aber die Geschichte zeigt, daß das noch nie
der Fall war. Schon im täglichen Leben tut jeder gut, wenn er sich nur auf
sich selbst und auf die Kameraden verläßt, die gemeinsames Interesse mit
ihm verbindet; aber gar in der Politik darf nie eine Klasse auf die andere
rechnen, da muß jede für sich selbst sorgen. So war es noch bei jeder Revo
lution; sobald die Besitzenden das erlangt haben, was sie begehrten, dann
wollen sie ruhig und ungestört bleiben und wenden sich gegen jeden/ der
sie stört, also am meisten gegen ihre früheren Verbündeten, die noch nicht
befriedigt und gesättigt waren."
„Das ist traurig," erwiderte Karl; „aber trotzdem zeigt die Geschichte,
die uns Wilhelm da erzählt hat, doch, wieviel besser es ist, wenn sich das
Volk etwas selber nimmt, als wenn es wartet, bis es ihm gegeben wird."
„Das dachte ich mir auch schon bei der Erzählung", gab nun Wilhelm
zu. „In Preußen müssen doch die Gutsherren bei der Ablösung ein gutes
Geschäft gemacht haben; sonst hätten sie nicht selber darauf gedrungen. In
Oesterreich haben sich die Bauern alles selber genommen unö_ die Guts
herren mußten zufrieden sein mit dem, was ihnen nachher ersetzt wurde.
Aber ganz kann ich dem Karl doch nicht recht geben; denn was hätten schließ
lich die Bauern den Wienern viel helfen können? Wir haben ja gehört, wie
schlecht sie bewaffnet waren. Und wären sie mit unterlegen, so wäre es mit
allen ihren Errungenschaften wieder vorbm gewesen."
„Das Handwerk hat einen goldenen Boden."
„Siehst du, Wilhelm," begann Karl, als wir uns das nächste Mal
trafen, „mir ging es mit meinem Vater gerade umgekehrt wie dir. Du hast
dich gar nicht getraut, ihn zu fragen, und ich hatte es nicht einmal nötig.
Denn vor ein paar Tagen kam er abends von einer LZersammlung nach
Hause, in der ein sozialdemokratischer Referent gesprochen hatte. Nachher
war ein Bäckermeister aufgetreten und hatte den Sozis vorgeworfen, daß