fullscreen: Kapitalismus und Sozialismus

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Von da an ging es rasch mit ihm ganz bergab. Die letzten Jahre 
seines unglücklichen Lebens will ich dir lieber nicht schildern. Ich selbst war 
froh, bald aus dem Hause zu kommen. Ich wurde Lehrling bei OnkellAdolf, 
der damals Bauschlosser hier in Berlin war. ^ r „ 
Das war eine große Werkstatt, wo außer dem Meister sechs Gesellen 
arbeiteten, und an Arbeit fehlte es meist auch nicht. Dehnte sich doch die Stadt 
schon damals rasch aus und das Baugewerbe blühte. Einige Jahre ging 
es auch slott vorwärts. Onkel Adolf war ein ernster, fleißiger Mann, der 
nicht nur von seinem Handwerk, sondern auch vom Geschäftlichen etwas 
verstand. Gewöhnlich sprach er nicht viel; aber eines Tages, ich entsinne 
mich noch sehr wohl, kam er sichtlich angeregt in die Werkstatt und ver 
kündete, er habe eben einen großen Auftrag übernommen, die ganzen 
Schlosserarbeiten für zwei Neubauten eines Unternehmers. -Die ausge- 
bungenen Preise waren nicht schlecht, und so spendierte der Onkel sogar zur 
Feier des Tages, was sonst nicht seine Gewohnheit war, em Faßchen Bier. 
Na, nun ging es los mit der Arbeit. Ueberstunden wurden njcht 
weuiae gemacht. Das heißt, unsere Arbeitszeit war ja damals nicht so genau 
geregelt'; aber in dieser Zeit arbeiteten wir eifriger und länger als sonst. 
Zum festgesetzten Termin waren wir fertig und lieferten ab. Aber der 
Bauherr hielt sich weniger streng an den Termin. Obwohl ihn der Onkel, 
der selbst die Lieferanten bezahlen mußte, schließlich drängte, kam kein 
Geld, und als er die Klage einreichte, erfuhr er zu seinem Schrecken, daß 
die beiden Häuser, noch ehe sie fertig waren, schon weit überschuldet und 
daß auch die Zimmerleute, Bautischler, Klempner und Ziegeldecker ebenso 
wenig bezahlt waren wie er. Sie alle brachten jetzt ^Klagen ein gegen den 
Unternehmer und erwirkten Anschreibung auf die Häuser. Aber was nutzte 
ihnen das? Es stellte sich heraus, daß der sogenannte Unternehmer nur 
ein vorgeschobener Strohmann war. Die beiden Häuser waren verpfändet 
an einen reichen Bierbrauer, der sie jetzt öffentlich versteigern ließ, wobei er 
sie selbst erstand. Das war eine schon vorher abgekartete Sache gewesen. 
Der vorgeschobene Unternehmer war selbst ein armer Teufel, der nichts 
hatte und von dem man auch nichts kriegen konnte. Die gesamten Bau 
handwerker fielen glatt durch und kriegten gar nichts. Der Bierbrauer aber 
hatte spottwohlfeil zwei schöne Häuser. 
Der Onkel hat sich von diesem Schlag nie mehr erholt. Er war em 
gebrochener Mann. Sein Geschäft und sein Name Waren ruiniert. Eine 
Zeitlang fristete er noch sein Leben mit Reparaturen und Flickarbeiten; 
aber lange hat er diesen Krach nicht überlebst 
Die große Werkstatt hatte er natürlich aufgeben müssen, und so standen 
nun die Gehilfen, und darunter auch ich, arbeitslos aus^ der Straße, ^zch 
ging zu verschiedenen Schlossern nach Arbeit, überall umsonst. Unterdessen 
waren meine Ersparnisse aufgebraucht, ich mußte jede Arbeit nehmen, die 
sich mir bot. Ich war damals Schneeschaufler und Markthelfer, ich machte 
Botengänge und trug Säcke. Endlich gelang es mir, ständigere Arbeit zu 
finden — in einer Schuhfabrik als ungelernter Arbeiter. Die Bezahlung 
war elend; aber was wollte ich machen? Hunger tut weh ! 
In dieser Fabrik habe ich längere Zeit geschuftet; es waren dort alle 
möglichen Professionen unter den Arbeitern vertreten. Da gab es Gartner 
und Schneider, Bildhauer und Eisengießer; nur Schuhmacher gab es nicht 
unter uns. Später erfuhr ich, daß die Fabriksleitung Schuster überhaupt 
nicht zu diesen Arbeiten aufnahm, denn diese stellten als gelernte Arbeiter 
viel zu hohe Lohnforderungen. 
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