Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

98

Wahlvereins.  Dann  aber  ließ  auch  das  Statut  des  Zentralwahlvereins  den
örtlichen  Wahlvereinen  allerhand  Spielraum  für  die  Entwickelung  eines
eigenen  inneren  Lebens,  und  je  mehr  diese  Vereine  wuchsen,  um  so  mehr
wirkte  das  praktische  Bedürfnis  und  das  natürliche  Bestreben  nach  Selbstbestimmung ­
  dahin,  die  örtliche  Selbstverwaltung  zu  steigern.  Die  örtlichen
Wahlvereine  hielten  eigene  Agitationsversammlungen  ab,  nahmen  zu  Parteiftagen
  selbständig  Stellung,  führten  ihre  Wahlkämpfe  selbständig  und  waren
namentlich  frei  in  der  Auswahl  ihrer  Kandidaten  für  die  örtlichen  Vertretungskörper ­
  und  die  Bestimmung  ihrer  Wahltaktik.  Diese  Einschränkung
oder  sagen  wir  lieber  diese  Begrenzung  des  Zentralismus  war  notwendig,
sollte  er  nicht  zum  engen  und  geisttötenden  Bureaukratismus  ausarten.
Indes  waren  es  weniger  vorgefaßte  theoretische  Anschauungen,  welche  zu
ihr  führten,  als  die  erfahrungsmäßig  gewonnene  Einsicht  in  die  Erfordernisse
eines  gesunden,  nach  allen  Seiten  hin  sich  kräftig  entfaltenden  Lebens  der
Partei.  Nicht  nach  einem  fertigen  Schema,  sondern  schrittweise,  wie
das  Bedürfnis  selbst  sich  einstellte,  erhielt  der  Organismus  die  Form  einer
methodischen  Verbindung  zentralistischer  und  föderativer  Einrichtungen,  und
gewöhnlich  hatte  das  Statut  nur  zu  sanktionieren,  was  sich  in  der  Praxis
verschiedentlich  schon  selbst  Bahn  gebrochen  hatte.
Sehr  viel  später  wie  der  Wahlkreis  Teltow-Beeskow-Storkow  schuf
sich  der  Wahlkreis  Niederbarnim  einen  Zentralwahlverein,  dessen  Statut
sich  heute  in  keinem  wesentlichen  Punkt  voin  Statut  des  erstgenannten  Kreises
unterscheidet.  Das  Verhältnis  der  örtlichen  Wahlvereine  des  Kreises  zum
Kreiswahlverein  ist  hier  das  gleiche  wie  dort.
Dies  der  äußere  oder  formale  Entwickelungsgang  der  Organisation
der  Sozialdemokratie  Groß-Berlins.  Ihr  inneres  Leben  läßt  sich  schwer
in  Kürze  so  veranschaulichen,  daß  es  dem  Leser  unmittelbar  vor  Augen
tritt.  Lier  muß  die  Phantasie  nachhelfen,  und  wer  auch  nur  einige
Erfahrung  im  Partei-  und  Vereinsleben  hat,  dem  wird  es  nicht  schwer
fallen,  auf  Grund  des  hier  gegebenen  Bildes  von  der  Gliederung  der
Organisation  sich  das  Zusammenwirken  der  Glieder  vorzustellen.  Im
gewöhnlichen  Verlauf  der  Dinge  lag  in  Berlin  in  den  ersten  Jahren  nach
Ablauf  des  Sozialistengesetzes  der  Schwerpunkt  des  Parteilebens  bei  den
Vertrauensmännern  und  den  „Korporas",  verschob  sich  aber  dann  immer
mehr  nach  den  Wahlvereinen  der  einzelnen  Wahlkreise  hin,  wobei  die
Teilung  von  Berlin  IV,  außer  bei  der  Reichstagswahl,  fast  wie  eine  Teilung
in  zwei  selbständige  Kreise  wirkte.  Nach  Aufhebung  des  Verbindungsverbots ­
  sind  die  sieben  sozialdemokratischen  Wahlvereine  der  Lauplstadt
ganz  selbständige  politische  Körper,  die  nur  für  gewisse  gemeinsame
Agitations-  usw.  Zwecke  begrenzte  Vollmachten  an  die  für  diese  Zwecke
eingesetzten  Kommissionen  abgeben,  während  in  den  beiden  Vorortswahlkreisen ­
  der  Schwerpunkt  zwischen  Kreiswahlverein  und  Ortswahlverein  zu
liegen  kommt.  In  Berlin  geben  die  Wahlvereine  bezw.  deren  Vorstände
den  Abteilungsführern  und  diese  den  Bezirksführern  die  auf  die  Besorgung
der  Parteigeschäfte,  die  Vorbereitung  von  Wahlen  usw.  bezüglichen
Weisungen,  was  sich  in  der  Regel  so  macht,  daß  erst  der  Vorstand  die
Abteilungsführer  zu  einer  erweiterten  Sitzung  einladet  und  dann  diese  in
ihren  Abteilungen  Sitzung  mit  den  Bezirksführern  abhalten.  In  deir
Vorortswahlkreisen  tritt  in  solchen  Fällen  für  den  Verkehr  zwischen  Kreis-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.