Full text : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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der  literarischen  Berufe  gehörten,  ein  „Verein  unabhängiger
Sozialisten"  konstituiert,  und  acht  Tage  darauf  erschien  die  erste  Nummer
des  Wochenblattes  „Sozialist",  das  den  Antertitel  führte:  Organ  der
unabhängigen  Sozialisten".  Nach  diesein  Antertitel  ward  von  nun  ab  auch
die  ganze  Bewegung  benannt,  die  von  den  treibenden  Geistern  der
Opposition  ins  Leben  gerufen  war;  sie  hieß  fortan  kurzweg  „Bewegung
der  Unabhängigen".
Ihre  wenig  erbaulichen  weiteren  Schicksale  haben  uns  hier  nicht  zu
beschäftigen.  Sie  wiederholen  alles  in  allem  die  in  der  deutschen  Sozialdemokratie
  vorher  schon  wiederholt  gemachte  Erfahrung,  daß  selbst  von  denjenigen ­
  Parteimitgliedern,  die  oppositionellen  Rednern  aufs  lebhafteste  zustimmen, ­
  solange  diese  im  Rahmen  der  Partei  Opposition  machen,  stets  nur
ein  sehr  kleiner  Teil  mit  ihnen  geht,  wenn  sie  sich  dazu  hinreißen  lassen,
aus  der  Parteiorganisation  auszuscheiden.  Zu  den  führenden  Mitgliedern
der  Bewegung  der  Anabhängigen  gehörten  begabte  Redner  und  geübte
Organisatoren.  Aber  gegen  dieses  in  der  deutschen  Sozialdemokratie  wirkende ­
  politische  Gravitationsgesetz  erwiesen  sich  ihre  Kräfte  als  unzureichend,
zumal  da  sie  der  Taktik  der  Partei  keine  bestimmte  und  überzeugende
Politik  gegenüberzustellen  hatten.  Ihre  Opposition  beruhte  nicht  auf  anderen
Grundanschauungen,  als  wie  die  alten  Parteiführer  sie  vertraten,  sondern
auf  Ausstellungen  in  Einzelheiten,  und  mit  bloßen  Ausstellungen  gründet
man,  wenn  sie  nicht  der  Ausfluß  eines  tieferen  Gegensatzes  sind  —  und
dagegen  verwahrten  sich  grade  in  der  ersten  Zeit  die  Anabhängigen  sehr
lebhaft  —,  keine  neue  Partei.  Sie  konnten  im  vorliegenden  Falle  um  so
weniger  gegen  die  alte  Partei  verfangen,  als  deren  Lauptführer  in  Erfurt
aufs  schärfste  gegen  Georg  von  Vollmar  Stellung  genommen  hatten,  der
in  München  in  den  Eldoradoreden  diejenige  Politik  empfohlen  hatte,  von
der  die  Auerbach,  Werner  usw.  behaupteten,  daß  die  Partei  sie  mit  Wissen
und  Willen  jener  Parteiführer  triebe.  Was  in  dieser  Hinsicht  Bebel,
Liebknecht  und  Singer  in  Erfurt  Vollmar  gegenüber  geltend  gemacht  hatten,
war  ungemein  geeignet,  diejenigen  Sozialdemokraten  Berlins  zu  befriedigen,
die  mit  der  Opposition  gegangen  waren,  weil  sie  in  der  Tat  glaubten,  daß
die  Partei  in  Gefahr  sei,  sich  im  Parlamentarismus  zu  verlieren.  Nun
hatten  die  Vertreter  des  Parteivorstandes  erklärt,  daß,  wenn  die  Frage
laute:  Vollmars  Vorschlag  oder  die  Politik  der  Zungen,  sie  dann  immer
noch  eher  zu  den  Jungen  gingen.  Besonders  Bebel  hatte  sich  über  die
Nähe  des  Sieges  der  Sozialdemokratie  so  hoffnungsfreudig  ausgesprochen,
wie  der  feurigste  Revolutionär  es  nicht  anders  wünschen  konnte,  und  als  er,
nach  Berlin  zurückgekehrt,  am  13.  Dezember  in  der  Brauerei  Friedrichshain
in  einer  Rede  über  Taktik  seine  Ansichten  über  die  Stellung  zur  Regierung,
zu  den  Parteien  und  dem  Parlamentarismus  entwickelte,  ward  ihm  daher  der
ungeteilte  jubelnde  Beifall  der  vieltausendköpfigen  Menge  zuteil.  And  ähnlich ­
  ging  cs  in  anderen  Versammlungen  zu,  tvo  Liebknecht,  Singer,  Auer,
Grillenberger  und  andere  Führer  der  Partei  über  grundsätzliche  Fragen
oder  Fragen  der  Tagespolitik  referierten.  In  ersterer  Hinsicht  interessierten
besonders  diejenigen  Versammlungen,  in  denen  das  in  Erfurt  beschlossene
neue  Parteiprogramm  von  Liebknecht,  Schippe!  und  anderen  erklärt  wurde.
Die  einleitenden  Sätze  des  Programms,  die  den  Gang  der  Wirtschastsentwicklung
  vorauszeichnetcn,  erhielten  dadurch  eine  starke  praktische  ^»e-Bernstetn,
  Berliner  Geschichte.  III.  9
            
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